Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,213

Werthester Gönner und Freund!

Längst schon wäre es meine Pflicht gewesen, an Sie zu schreiben, allein kurz nach Empfang Ihres schönen Liedes wußte ich Sie auf der Reise nach Carlsbad und später glaubte ich Sie in England, bis ich durch Zeitungs-Nachrichten1 und durch Ihren eigenen Brief eines anderen belehrt wurde. –
Um nicht irre zu werden, will ich nun Ihre beiden Briefe der Reihe nach beantworten. –
Für das schöne Lied sage ich Ihnen hiemit in meinem Namen verbindlichen Dank, habe aber zugleich vom Verleger, Herrn Göpel, den Auftrag, Ihnen keine Ruhe zu lassen, bis Sie uns mehrere (ein- und mehrstimmig) eingeschickt haben, indem es natürlich beiden Sammlungen zur Ehre gereichen muß, Sie als thätigen Mitarbeiter zu besitzen. Nebstdem läßt Göpel Sie ersuchen, der zu hoffenden nächsten Sendung Ihrer Honorar-Bedingungen (auch für das bereits eingeschickte Lied) beizufügen.
Die Partitur und Orchesterstimmen Ihres Oratoriums „Des Heilands letzte Stunden” habe ich seinerzeit richtig erhalten und dasselbe größtentheils schon einstudirt. Leider aber mußte die auf den Herbst projectirte Aufführung desselben bis zum Januar oder Februar verschoben werden, indem bei uns in den Monaten September, October und Novbr Vakanz ist und mehrere Capell-Mitglieder dekretmäßigen Urlaub haben. Aus eben diesem Grunde wollte ich schon früher an Sie schreiben und Sie bitten, mir es bis zur Fastenzeit zu lassen, wurde aber durch den Glauben, Sie wären in England, veranlaßt, es zu verschieben, bis ich Ihren Brief erhielt, aus welchem ich ersehe, daß Sie es schon wieder versprochen haben und zwar zu einer so großartigen Aufführung, wie sie von der Berliner Sing-Akademie zu erwarten ist, weshalb ich mich, um dort keine Störung zu verursachen, beeile um gezwungenermaßen Ihnen dasselbe, ohne meinen Zweck erreicht zu haben, nebst herzlichem Danke wieder zuzuschicken. Als Ersatz dafür werde ich nun ein bis jetzt noch nicht ganz vollendetes Oratorium meiner Composition aufführen, mit welchem Tausch das Publikum freilich nicht ganz zufrieden seyn wird, was sich aber nun nicht ändern läßt. –
In dem nemlichen Grade, als ich Sie bedaure, daß Sie durch die Halsstarrigkeit Ihres Gebieters abgehalten wurden, Ihrem neuen Triumph in England persönlich beizuwohnen, freue ich mich über den außerordentlichen Erfolg Ihres Oratoriums2 und gratulire Ihnen von ganzem Herzen dazu. Das alte Sprichwort „dem Verdienste seine Krone” hat sich eben neuerdings wieder bewährt. – Sie werden sich wundern, diesen Bericht von hier (von Stuttgart) aus zu erhalten, weshalb es wohl nöthig seyn wird, Ihnen zu sagen, daß ich dieses Jahr auf jede Lustreise verzichtet und vorgezogen habe, meinen Urlaub mit Familie hier bei meiner Schwiegermutter zuzubringen, wo ich unter der Zeit schon viel Gutes hörte, unter anderem auch Ihre historische Sinfonie, welche vorgestern im abonnirten Concert mit viel Beifall gut gegeben wurde.
Indem ich mich und meine Frau Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin bestens empfehle, wünsche ich Ihnen Beiden alles erdenkliche Gute zum neuen Jahr und verbleibe, Sie um die Fortdauer Ihrer Freundschaft bittend, von ganzem Herzen

Ihr Th. Taeglichsbeck

Stuttgart, am 24ten November
1842.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Täglichsbeck. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Täglichsbeck an Spohr, 26.04.1843.

[1] Vgl. „Großbritannien. (London, 21. Sept.)”, in: Nürnberger Zeitung 29.09.1842, nicht paginiert; „Musikfest in Norvich. Erste Aufführung von Spohr’s neuestem Oratorium Babylons Fall”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 44 (1842), Sp. 860ff., hier Sp. 860.

[2] Der Fall Babylons.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.05.2016).