Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. hist. litt. 15[195,16

Professor Taylor
Red Lion Court, Fleet Street
Printing Office.
London.

frei.
Rotterdam.


Cassel den 16ten
October 1842.

Mein theurer Freund,

Mit meiner Antwort auf Ihre und der lieben Ihrigen Berichte über das Musikfest habe ich absichtlich ein wenig gezögert, weil ich hoffte, es würden vorher noch die gütigst versprochenen Zeitungen, Texte u.s.w. oder die von Ihnen angekündigte Mittheilung des Comité in Norwich ankommen. Doch drängt es mich, Ihnen nun endlich meinen herzlichsten Dank auszusprechen, daß Sie sich mit dem Einüben meines Oratoriums so große Mühe gegeben haben und Ihnen zu sagen, daß ich sehr wohl weiß, daß ich die glänzende Aufnahme, die es gefunden hat, größtentheils diesen, Ihren Bemühungen verdanke. Über das nähere Detail der Aufführung haben wir außer Ihren so interessanten Berichten auch noch das gelesen, was die Pariser englische Zeitung enthält1, nämlich Auszüge aus der Times, zuerst Ihren Bericht, daß mir der Urlaub verweigert sey mit den Auszügen aus meinen Briefen, bey denen Sie wohlweislich weggelassen haben, was mich hier compromittiren könnte2; dann den langen Bericht über die Aufführung der Oratoriums nebst sehr detaillirter Beurtheilung der einzelnen Nummern desselben. Hierbey ist uns aufgefallen, daß zwei Nummern ganz mit Stillschweigen übergangen sind, nämlich das Duett No. 10 und das Quartett- No. 27, und daß bey dem Terzett No.15, als Ausübende zwei Sängerinnen genannt sind, da es doch für Alt, Tenor und Baß geschrieben und sicher doch auch von diesen Stimmen ausgeführt worden ist. - Ferner haben wir uns gewundert (bey der Erzählung, daß so viele Menschen nicht Platz fanden und unter diesen sogar solche, die eine weite Reise gemacht hatten, um das Oratorium zu hören,) daß das Comité nicht auf den Gedanken kam eine Wiederholung des Oratoriums zu veranstalten? Eine solche würde sich ja auch in pecuniärer Beziehung bezahlt gemacht haben.
Da in keinem Ihrer Briefe das Gesuchs der Bürgerschaft und des Magistrats von Norwich als letzten Versuch mir Urlaub zu verschaffen, erwähnt worden ist, so muß ich fast vermuthen, daß Sie nichts davon erfahren haben oder daß Sie die Sache nicht berührten, weil Sie so gut wie ich im Voraus wußten, daß es zu nichts führen würde. Soviel ich hier habe erfahren können, hat es der Prinz3 nicht einmal der Mühe wert gehalten, eine Antwort zu geben und dadurch seiner Unart zuletzt noch die Krone aufgesetzt.
Wir freuen uns sehr auf den Besuch Ihres lieben Töchterchens4 und hoffen, sie werden ihre Ankunft nicht gar zu weit hinausschieben Im Winter können wir ihr die meisten Kunstgenüsse verschaffen; auch wird sie in dieser Jahreszeit die den Deutschen eigenthümliche Geselligkeit am besten kennen lernen.
Leben Sie wohl. An die lieben Ihrigen die herzlichsten Grüße. Mit unveränderter Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Taylor, Margaret
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Erwähnte Orte: Norwich
Erwähnte Institutionen: Norfolk and Norwich Triennial Festival
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842101604

http://bit.ly/2FUlqeq

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Taylor an Spohr, 20.09.1842. Taylor beantwortete diesen Brief am 24.10.1842.

[1] Wohl in Gaglignani‘s Messenger. Artikel noch nicht ermittelt.

[2] In der Übersetzung wurde ausgelassen: „Bey dem brillanten Talent unsres Prinzen, sich aller Welt verhaßt zu machen, konnte ich mir freilich im Voraus denken, daß er auch bey so hoch gestellten Personen, wie meine Fürsprecher waren, keine Ausnahme machen würde“ (vgl. Spohr an Taylor, 08.08.1842).

[3] Der spätere Kurfürst Friedrich Wilhelm.

[4] Margaret Taylor.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.01.2019).