Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18421015>

Breslau den 15t. October 42
am Geburtstag der Königs

Verehrter Freund und Gönner!

Da die Zeit, in welcher ich das Glück haben soll Sie zu sehen immer näher rückt, so bin ich so frei, Sie noch mit einigen Zeilen zu behelligen. Heute wurde mir von der Leipziger Direktion des Gewansdhauskonzertes die Nachricht, daß ich meine 5t Sinfonie daselbst am 1t Dezember aufführen soll1, ich werde daher meine Reise so einrichten, daß ich am 15t November ohngefähr bei Ihnen eintreffen kann, und dann auf meiner Rückreise die Sinfonie in Leipzig gebe. Sie richten es wohl gütigst so ein, daß während meiner Anwesenheit bei Ihnen ein Abonnementskonzert fällt, damit ich etwas recht Gutes und Schönes von Konzertmusik höre. Schön hofft die Reise mit mir noch zu machen und freut sich unendlich Sie zu sehn. In einigen Tagen wird er wieder eine Prüfung seines Violin-Instituts halten2, er leistet Ausgezeichnetes damit, und Sinfonien wie Solosachen werden präzis daselbst ausgeführt. Ihre Schule liegt natürlich bei seinem Unterrichte zum Grunde. Übermorgen werden unsere Konzerte mit Ihrer 3ten Sinfonie eröffnet. Ich habe auch wieder so manches gemacht, ein neues Choralbuch für Schlesien, mehrere Orgelsachen und eine neue Kantate, die ich Morgen als Sonntags mit 100 Personen in unserer Kirche aufführe. Sie wird in Partitur erscheinen und ist mein 72tes Werk. Adolph Henselt beglückte uns vor einiger Zeit mit seiner Anwesenheit und seinem wahrhaft königlichen Spiele. Wenn je ein Klavierspieler und Komponist den Namen eines wahren Künstlers verdient, so ist es Henselt, seine Richtung ist die edelste, er spielt alle Komponisten gleich schön und großartig.3 Auch J.P. Pixis war mit seiner Franzilla hier, machte aber nicht viel. Das Ihrer Frau Gemahlin von mir gewidmete Rondo wird dieselbe gewiß erhalten haben. Sollten Sie einmal Herrn Schuppert sehn, so grüßen Sie ihn herzlich, ich hab ihm ein Heft Orgelsachen gewidmet (op 71) die ich ihm mitbringen werde, sie erscheinen in 8 Tagen im Stich.
Auf Ihre beiden Trios, die Konzerte: Sonst und Jetzt, das in a dur und e moll auf die schönen Duos etc. Quartette freuen wir (Schön und ich) uns sehr. Ihre neue Sinfonie erwarten wir täglich und von Ihrem neuen Oratorium sind alle Blätter des Lobes voll. Ich freue mich allemal so darüber, als ob es mich selbst betraf.
Indem ich hoffe vor meiner Abreise noch ein paar Zeilen Ihrer Hand zu erhalten bin ich

Ihr ergebener Verehrer
A. Hesse

Ihrer werten Familie, so wie Frau v. Malsburg etc. bitte ich mich hochachtungsvoll zu empfehlen.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 08.07.1842. Spohr beantwortete diesen Brief am 23.10.1842.

[1] Vgl. Hesse an Spohr, 29.12.1842.

[2] Vgl. „Herr Moritz Schön”, in: Allgemeine Wiener Musik-Zeitung 2 (1842), S. 616.

[3] Vgl. E[rnst] K[öhler], „Breslau”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 44 (1842), Sp. 721f. – Zu diesem Breslau-Aufenthalt von Henselt scheint es in der lokalen Presse keine Notizen gegeben zu haben (vgl. Maria Zduniak, „Adolph Henselt in Breslau”, in: Adolph Henselt und der musikkulturelle Dialog zwischen dem westlichen und östlichen Europa im 19. Jahrhundert, hrsg. v. Lucian Schiwietz (= Edition IME I,14), Sinzig 2004, S. 105-115, hier S. 107).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.05.2015).