Autograf: ehemals Privatbesitz Dr. Ernst Hauptmann in Kassel, vermutlich 1943 Kriegsverlust
Druck 1: „Musikalische Briefe von Moritz Hauptmann. III. an Spohr“, in: Grenzboten 29.2 (1870), S. 177-190, hier S. 177-180
Druck 2: Moritz Hauptmann, Briefe von Moritz Hauptmann, Kantor und Musikdirektor an der Thomasschule zu Leipzig an Ludwig Spohr und Andere, hrsg. v. Ferdinand Hiller, Leipzig 1876, S. 4-8.

Leipzig, den 2. Oct. 1842.

Lieber verehrter Herr Kapellmeister.

Wenn ich nur dem Herzen hätte folgen wollen, würden Sie schon nach den ersten Tagen unseres Hierseins einen Brief von mir erhalten haben. Als ich Abschied von Ihnen nahm, war es wie zu einer kurzen Reise; ich wußte es in Worten nicht anders zu machen, wenn ich es auch innerlich anders empfand. Ich darf nicht wünschen, daß Sie zu der Ferienzeit oft Reisen nach Karlsbad zu machen haben, und wie sollte Sie außerdem Ihr Weg so bald nach Leipzig führen - ebenso scheint für mich die Freiheit zu einer längern Reise nach den hiesigen Dienst-Verhältnissen nicht groß zu sein, was in der Sache, nicht im Mangel an gutem Willen meiner Vorgesetzten liegt, die mich bis jetzt auf eine so ausgezeichnet artige Weise behandeln, daß es nur mein Wunsch sein muß, mir diese Zuneigung durch Diensteifer erhalten zu suchen. Indessen kann ich die Hoffnung nicht aufgeben, Sie auf eine oder andere Art bald einmal wieder zu sehen und mag nur in dieser mich der gegenwärtigen auf manche Weise mir günstigen Zustände erfreuen. Ich bin nach manchen sehr ceremoniösen Magistrats- und Schul-Aufnahmsakten seit fast 14 Tagen in den Dienst eingetreten1, er besteht, was die eigentliche Cantorsfunction betrifft, in einer Stunde täglichen Chorgesang-Unterricht, jetzt von 11-12, später von 5-6, und in der Direction der Sonntagskirchenmusik; letztere des Morgens um 8 Uhr. Diese habe ich heute erst angetreten, und zwar komme ich so eben daher. Ich hatte auf den Wunsch mehrer Freunde meine Messe2 mit Orchester eingeübt, und um mit dieser zu beginnen, am vorigen Sonntag den bisherigen Interimsdirector Pohlenz noch einmal zu dirigiren ersucht. Am heutigen Sonntag als Anfang der Meßwoche ist es gebräuchlich das Kyrie und Gloria der Messe zu geben; nach der ersten Orchesterprobe, die ich von meiner Messe gemacht hatte, wünschten die Musiker, daß sie das erste Mal und zu meinem Amtsantritt ganz gegeben würde, welches mir auf meine Anfrage der Superintendent auch gerne zugestand; so gab ich erst 3 Sätze und nach der Epistel die übrigen. Es ist im Chor und Orchester eine sehr erfreuliche Willigkeit, ein Interesse für die Sache, das dem Dirigenten so erleichternd entgegenkommt, daß auch ein so ungeübter und wenig geschickter, als ich es wohl bin, keine schwere Aufgabe hat, etwas so wenig schwieriges als diese Messe ist zur geebneten und von merklichen Fehlern freien Ausführung zu bringen. Man ist mit der heutigen ganz zufrieden gewesen.3
Den 7. Oct. Mendelssohn kam am vorigen Freitage hier durch, auf seiner Rückreise von der Schweiz; da er am 1. Oct. in Berlin sein wollte, hielt er sich nicht auf, er ward aber so dringend angegangen, das erste Gewandhausconcert, welches Sonntag den 2ten stattfand, zu dirigiren, daß er zu diesem schon wieder hier war. Das Orchester ist hier unter seiner Leitung in Symphonien ganz vortrefflich, es ist eine Schärfe, Elastizität im Ganzen, wie man sie nicht leicht wieder findet. Mendelssohn hat selbst seine große Freude daran, will aber das Verdienst sich nicht zugeschrieben wissen, indem, wie er sagt, in Berlin, wo so viele gute Kräfte im Einzelnen vorhanden sind, bei alle seinem Eifer und unendlicher Mühe nichts ähnliches herzustellen gewesen sei. Man hofft in Leipzig noch sehr, daß Mendelssohn zurückkehren werde, sicheres weiß Niemand, da er selbst noch keineswegs bestimmt ist. Bei David habe ich drei Quartette von Schumann gehört4, die ersten die er geschrieben, die mir sehr gefallen, ja mich in Verwunderung über sein Talent gesetzt haben, das ich mir bei weitem nicht so bedeutend vorgestellt hatte nach den Claviersachen, die ich früher von ihm kennen lernte, die gar so aphoristisch und brockenhaft waren, und sich in bloßer Sonderbarkeit gefielen. An Ungewöhnlichem in Form und Inhalt fehlt es hier auch nicht, aber es ist mit Geist gefaßt und zusammengehalten und recht Vieles ist sehr schön. Im Theater habe ich die Königin von Cypern von Halevy5 gehört; das Buch ist unvergleichlich besser als das deutsche, es ist nicht zu begreifen wie ((Lachner))6 es sich von dem Uebersetzer so konnte verhunzen lassen.7 Der König ist hier eine handelnde, nicht blos leidende Person, wie dort, und zwar sehr nobler und Theilnahme erregender Art. Es ist unsäglich dumm, wie der deutsche Bearbeiter des Königs Thun in bloße Erzählung verwandeln konnte. Die Erzählung ist überhaupt auf dem Theater nicht viel werth, in der Oper aber, wo die Worte so leicht verloren gehn, gar nichts. Hier heißt es, wie Caspar sagt: was das Auge sieht, glaubt das Herz.8 Aber nicht der Text allein, auch die Musik von Halevy ist mir als Opernmusik lieber als die ((Lachnersche)). Sie ist gar nicht sehr lärmend, im ganzen ersten Akt fast keine Posaunen, vielmehr ist eher zu viel, nach Halevy'scher Weise, fein, witzig und spitzig ausgearbeitetes darin, oft etwas trocken mit künstlichen Spielereien. Dann aber auch wieder strömend und scenisch von großer Wirkung, jedenfalls eine bessere Theateroper als die ((Lachner‘sche)), die mich, wie so viele deutsche zweiter und dritter Klasse, immer zu viel an das Schreibepult und an saure Arbeit erinnert. Heine sagt einmal, er habe in seiner Jugend sich nie in das complicirte Linneische System finden können und sich sein eignes gebildet: er theile die Pflanzen ein in solche die man essen könne und solche die man nicht essen könne.9 So könnte man, von anderen guten und schlechten Qualitäten absehend, auch die Opern eintheilen in solche die gegeben werden und solche welche nicht gegeben werden. Ich glaube daß zur ersten Art die Halevy'sche, zur zweiten die ((Lachner‘sche)) gehören wird. Es mag aber im Grunde doch nur auf einer positiven Qualität beruhen, wenn etwas, einer so großen Menschenmasse, als das gesammte Opernpublicum zusammengenommen bildet, Vergnügen macht, und daß eine Oper nicht gering zu sein braucht um der Menge anhaltend zu gefallen, sehen wir an den besten die wir haben, sie sind auch der Menge die liebsten. Wenn aber auch so manche gefallen, an denen der Musikverständige technisch und ästhetisch viel auszusetzen hat, so bleibt diesen eine innewohnende gute Eigenschaft um so mehr gesichert, als der Tadel gegründet sein wird, da ein Ding wegen seiner Schlechtigkeit niemand Vergnügen machen kann. Und das ist bei Italienern und Franzosen wohl hauptsächlich das, daß man fühlt sie sind hier in ihrem Element, und die daraus resultirende Leichtigkeit der Production, - wie denn auch andere als Operncompositionen gegen diese bei ihnen gar nicht in Betracht kommen, während bei den Deutschen eine geglückte Oper von gelungenen Compofitionen jeder andern Gattung, namentlich der Instrumentalmusik, hundertfach aufgewogen wird. Am Sonntag haben wir bei Härtel den Pianisten Henselt gehört, welcher auf der Eisenbahn von Dresden gekommen, sich an das Clavier setzte und erst nach 3 Stunden wieder aufstand; er hatte schon 1½ Stunde gespielt als wir kamen. Ich habe noch nichts vollendeteres in dieser Spielart gehört, oder vielmehr ich kann mir nichts vollendeteres denken, weil es durchaus allen Ansprüchen, die man machen kann, Genüge leistet: unfehlbare Sicherheit, Kraft und Zartheit und eine schöne künstlerische Haltung und Ruhe im Vortrag, Als Curiositäten der Vollgriffigkeit spielte er zwei Weber'sche Ouvertüren10, die ich ihm erlassen hätte, sonst hübsche neue Sachen in Etüdenform, meist wohl von sich, wiewohl ich keine der bekannten darunter fand. Der Härtel'sche Flügel hielt sich den ganzen Abend vortrefflich, es ist eine tüchtige Art von Instrument <schon mir der offen gelöste Ton der Streicher'schen lieber ist>.
((Außerdem werden sehr gute Pianos hier gebaut, und ich bin neugierig zu sehen, wie der Ritmüller‘sche sich dagegen halten wird. Nächsten Sonntag gebe ich nach stehendem Gebrauch in der anderen Kirche noch einmal meine Messe, den folgenden zwei Sätze einer sehr hübschen Messe in B von Mozart, wieder in der Thomaskirche; hier habe ich 3 Bässe und wenigstens 12 Geigen, dort wegen Mangel an Raum nur 2 Bässe, aber es klingt in beiden gut.
Mit herzlicher Liebe und Verehrung

Ihr ergebenster
M.H.))



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hauptmann an Spohr, 27.12.1838. Spohr beantwortete diesen Brief am 28.10.1842.
Der Text ist aus beiden Textfassung kompiliert. Ergänzungen von Druck 1 gegenüber Druck 2 sind mit doppelten runden Klammern (( )) kenntlich gemacht, Ergänzungen von Druck 2 gegenüber Druck 1 mit dreieckigen < >.

[1] Stefan Altner zufolge ist der Festakt zu Hauptmanns Amtseinführung am 12.09.1842 ausführlich beschrieben in: Leipziger Tageblatt 23.09.1842 (Angabe nach Stefan Altner, Das Thomaskantorat im 19. Jahrhundert, Leipzig 22007, S. 36, hier S. 32-41 auch Überblick zu Hauptmanns Tätigkeit in Leipzig).

[2] Wohl Messe g-Moll, op. 30 (vgl. Hermann Kruse, Die Chorwerke von Moritz Hauptmann (1792 – 1868), Phil. Diss. Dortmund 2004, S. 58-66).

[3] Vgl. „Leipzig, den 11. October 1842”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 44 (1842), Sp. 803-806, hier Sp. 804.

[4] Am 29.09.1842 (vgl. Robert Schumann, Tagebucheintrag Oktober 1842, in: ders., Tagebücher, hrsg. v. Gerd Nauhaus, Bd. 2, Basel und Frankfurt am Main 1987, S. 249).

[5] La reine de Chypre.

[6] Catarina Cornaro.

[7] Vgl. K., „Die Königin von Cypern”, in: Neue Zeitschrift für Musik 17 (1842), S. 116f.

[8] Vielleicht Anspielung auf Johann Karl Porsch, Der Wunderklee. Eine Erzählung für Landleute, Erlangen 1837, S. 58.

[9] „Was mich betrifft, so habe ich in der Naturwissenschaft mein eignes System, und demnach theile ich Alles ein: in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen kann.” (Heinrich Heine, Reisebilder, Bd. 1, Hamburg 1826, S. 238).

[10] Zu Der Freischütz und Oberon (vgl. Wl., „Adolph Henselt”, in: Neue Zeitschrift für Musik 17 (1842), S. 132f., hier S. 133; zu Henselts Leipzig-Aufenthalt auch „Leipzig”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 44 (1842), Sp. 764f.).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.01.2016).