Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,175
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 312f.

Leipzig, d. 24sten Septbr.
1842.

Was Sie, geehrter Herr u. Freund, von dem Schicksal jener beyden Oratorien1 mir gemeldet haben, u. was mir wirklich ganz unbekannt war, konnte für mich nicht anders als sehr erfreulich seyn. Es waren also grundlose und vergebliche Grillen, die ich – nicht um meinet- sondern um Ihretwillen – mir gemacht hatte. Gleichwohl bereue ich nicht, sie mir gemacht zu haben; und die Arbeit, die ich ihrerwegen mir auferlegt, bereue ich auch nicht. Sie haben in Beydem Beweise erhalten, wie ich gegen Sie u. gegen Ihre Kunstwerke gesinnet bin: das kann mir genügen, mag übrigens der Erfolg meiner letzten Arbeit seyn, welcher er wolle, oder auch gar keiner.
Daß Sie nach der Vollendung ihres neuesten Oratoriums2, auf das ich begierig bin, sich, besonders für Werke derselben Gattung,3 Ruhe gönnen und die Quellen Ihrer Erfindungskraft sich erst wieder ansammeln lassen wollen, kann ich nur vollkommen in der Ordnung finden u. möchte in keiner Weise es stören. Da Sie aber doch meine Dichtung4 wenigstens kennen zu lernen wünschen so sende ich sie Ihnen hier. Gefällt sie Ihnen nicht, oder doch nicht in der Art, wie ich neulich geschrieben: so senden Sie mir sie kurz u. gut zurück. Gefällt sie Ihnen, u. in jener Art, so daß Sie zu dem Entschluß kommen, sie später, aber gewiß, in Musik zu setzen: so behalten Sie dieses, mein einziges Manuscript, von dem ich auch nicht eine Zeile in Abschrift behalte. Trifft zu, was sehr wahrscheinlich ist – daß ich früher sterbe, als Ihre Arbeit vollendet wird, so ist Ihnen die meinige hiermit vermacht als ein Andenken an Ihren alten Freund.
Sie verlangen ausdrücklich, wenn ich Ihnen das Gedicht zusendete, möchte ich zugleich die Bedingungen angeben, unter welchen ich es Ihnen überlassen würde. Wahrscheinlich haben Sie Erfahrungen gemacht, die Sie zu diesem Verlangen bewogen haben. Diese Erfahrungen sind aber auf mich nicht anwendbar. Ich habe u. mache keine Bedingungen, ganz u. gar keine. Auch in dieser Hinsicht steht Alles bey Ihnen u. ist mir recht.
Wie es Ihnen mit der Aufführung zu Norwich ergangen, könnte mich aufbringen, soll mich aber nur betrüben. Nun, lieber Freund; Sie wohnen in – Cassel, leben aber in der ganzen kunstgebildeten Welt!
In ausgezeichneter Hochachtung und beharrlicher Zuneigung der

Ihrige,
Rochlitz.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Norwich
Erwähnte Institutionen: Norfolk and Norwich Triennial Festival
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842092436

http://bit.ly/2fJ1qA3

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rochlitz, 13.09.1842. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Die letzten Dinge und Des Heilands letzte Stunden.

[2] Der Fall Babylons.

[3] Hier gestrichen: „sich”.

[4] Ein Oratorienlibretto Saul und David (vgl. Rochlitz an Spohr, 08.09.1842 und Moritz Hauptmann an Spohr, 03.11.1842).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).