Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,174
Druck: Ernst Rychnovsky, „Ludwig Spohr und Friedrich Rochlitz. Ihre Beziehungen nach ungedruckten Briefen”, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 5 (1903/04), S. 253-313, hier S. 310ff.

Leipzig, d. 8ten Septbr. 1842.

Ich weiß nicht, ob Sie geehrter Herr u. Freund, mich noch unter den Lebenden vermuthen. Allerdings habe ich seit geraumer Zeit Ihnen direct kein Lebenszeichen gegeben – Wie nun Siebenziger überhaupt schwer an’s Briefeschreiben gehen; und die musikal. „Jahrbücher” scheinen längst mich nicht nur für einen verstorbenen, verschollenen, sondern auch für einen Mann anzunehmen, der für die Musik nie etwas gewesen, noch gethan.1 Letztes lasse ich geruhig mir gefallen; zahle jährlich den Betrag für mein Exemplar an Hrn. Groß2, und damit gut. Destomehr hingegen wird mir Gelegenheit, Ihr würdiges, rühmliches Leben, nicht blos aus leidigen Zeitungsartikeln, sondern aus Ihren Werken zu erfahren, und zugleich, zu meiner großen Freude, die unverkennbar – durchgreifenden Wirkungen dieser Ihrer Werke, vornehmlich Ihrer Smyphonien, jeden Winter, nicht nur auf mich und Andere, welche die Kunst zu fassen und verstehen vermögen, sondern auch die gemischte Menge unser’s Concert-Publicums. So ist es mit Ihren Symphonien, nicht aber mit Ihren Oratorien; und dies thut mit sehr Leid. Letzteres um so mehr, da unter den mancherley Hindernissen ihrer öffentlichen Aufführung ich selbst, wenn auch nur an einem, nicht frey von aller Schuld bin. Ich bin das durch die von mir herrührenden Texte. Zwar hat niemand Etwas gegen diese einzuwenden; aber die feinen und vergnügungssüchtigen Weltleute beyder Geschlechter, aus denen doch, hier wie jetzt überall, die bey weitem überwiegende Mehrzahl der Concert-Auditorien besteht, wollen an die „letzten Dinge” sich nicht erinnern lassen, und an Jesus Christus, besonders an sein Leiden u. Sterben3, wenigstens in Concerten, auch nicht. Und für die jetzt so zahlreichen Musik-Fest-Vereine4, durch welche doch Oratorien am meisten bekannt und verbreitet werden, finde ich selbst eben jene beyden Gegenstände nicht angemessen. – –
Mit solchen Betrachtungen habe ich schon seit Jahren von Zeit zu Zeit mich getragen und dabey bey mir selbst gedacht: Wenn dein Freund, der treffliche Spohr, nun noch ein Oratorium schreiben wollte, so solltest du ihm mit Aufbieten deiner Kräfte ein Gedicht liefern, dessen Inhalt nicht nur in5 Jedemann, wie es um seine Ansichten, Gesinnungen, Bildung auch stehe, wahren, aufrichtigen Antheil erregen; woran Jedermann auch gern sich erinnern lassen würde, und das, ganz musikalisch gedacht u. durchgehalten, dem Künstler auch volle Gelegenheit böte, sich nach den verschiedenartigsten Richtungen seines Geistes, seines Gefühls und seiner raktischen Geübtheit auszubreiten; durch welches vereint es sich nun auch zuverläßig zu Aufführungen in Musik-Vereinen beßtens eignen würde. Ein solcher Gegenstand ist nun aber nicht leicht gefunden; und hätte man ihn gefunden, so ist es auch nicht leicht, ihn in den egen Gränzen eines Oratorium-Textes deutlich, hervortretend u. befriedigend auszuführen. Es kommt dazu, daß das Werk, um jetzt überall zur Darstellung kommen zu können, neben den Chören nur drey Haupt-Solostimmen, einen Sopran, einen Tenor u. einen Baß, mit allenfalls einigen kleinen Nebenpartien, verlangen müßte. – Erst gegen Ende vorigen Jahres bin ich auf solch einen Gegenstand gekommen; und jetzt liegt das Ganze, durchgehends in jener Weise durchgeführt, vollkommen fertig vor mir.6 Da frage ich nun bey Ihnen an: Wollen Sie überhaupt noch ein Oratorium, u. eben ein solches componiren? Wenn Sie das wollen, so sende ich Ihnen meine Dichtung sogleich zu. Ich brauche wohl aber kaum hinzuzusetzen, daß, wenn ich sei Ihnen gesandt habe und sie gefüllt Ihnen nicht, ich sie ohne alles Weitere wieder zurücknehme u. in Ihrer Zurücksendung (die jedoch nicht ohne Nothdurft zu verspätigen wäre) nicht im Geringsten eine Art von Kränkung u. dgl. finden würde. Das Freundschaftliche in der Gesinnung, das gute Einverständnis, das zwischen uns zu meiner Freude schon so lange (seit Ihrer ersten Rückkunft nach Deutschland aus Paris) statthat, würde, so viel an mir liegt, auch in jenem Falle ganz unverändert bleiben. Das Gedicht, sollen Sie es zur Composition übernehmen, (ist meyne Meynung) muß Ihnen wahrhaft gefallen, sowohl als Gedicht überhaupt, als auch als musikalisches Gedicht; es muß Sie ferner nach Ihrer künstlerischen Individualität ansprechen, Sie zum Arbeiten einladen und, wenigstens in seinen Hauptpartieen, dazu drängen. Dann ist Arbeit Freude, u. Beharrlichkeit davon Folge.
In ausgezeichneter Hochachtung und aufrichtiger Ergebenheit der

Ihrige,
Friedr. Rochlitz.

Erwähnte Personen: Groos, Theodor
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Paris
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842090836

http://bit.ly/2fIrICt

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rochlitz an Spohr, 29.01.1836. Spohr beantwortete diesen Brief am 13.09.1842.

[1] Eine der letzten Erwähnungen Rochlitz' in diesem Periodikum ist A[dolph] B[ernhard] Marx, „Friedrich Rochlitz. Eine biographische Skizze”, in: Jahrbücher des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft 2 (1840), S. 370ff.

[2] Theodor Groos war der Verleger der Jahrbücher des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft (vgl. ebd. 4 (1842), Fuß des Titelblatts).

[3] Des Heilands letzte Stunden.

[4] „Fest-” über der Zeile eingefügt.

[5] „in” über der Zeile eingefügt.

[6] Wie aus Moritz Hauptmann an Spohr, 03.11.1842 hervorgeht, handelt es sich um ein Libretto Saul und David.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2016).