Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. hist. litt. 15[195,14
Druck 1: „Spohr‘s Absence from the Norwich Festival“, in: Spectator (1842), S. 854f., hier S. 854 (engl. Übers.)
Druck 2: „Letter of Spohr to the Conductor of the Norwich Festival“, in: Musical World 17 (1842), S. 284 (engl. Übers.)
Druck 3: „Spohr the Composer“, in: Examiner (1842), S. 615 (engl. Übers.)
Druck 4: „L. Spohr‘s neues Oratorium: Babylon‘s Fall“, in: Österreichisches Morgenblatt 7 (1842), S. 463 (Rückübersetzung aus dem Englischen)

Cassel den 8ten August
1842.

Hochgeehrtester Freund,

So sehr ich auch schon durch das Vorhergegangene vorbereitet war, so hat mich doch die endliche Entscheidung: daß aus der herrlichen englischen Reise nichts werden soll, tief ergriffen und mir mehrere Tage meiner Kur in Carlsbad, denn dort erhielt1 ich Ihren lieben Brief, verdorben. Bey dem brillanten Talent unsres Prinzen2, sich aller Welt verhaßt zu machen, konnte ich mir freilich im Voraus denken, daß er auch bey so hoch gestellten Personen, wie meine Fürsprecher waren, keine Ausnahme machen würde; doch glaubte ich, einer eigenhändigen Bitte des Herzogs von Cambridge,würde er nicht wiederstehen können. Leider habe ich mich getäuscht und muß mich nun in das Unvermeidliche zu finden suchen. Dem Herzog von Cambridge werde ich aber für seine große Güte ewig, dankbar seyn und ich wünschte sehr, es böte sich Ihnen eine Gelegenheit dar, ihm in meinem Namen den tiefgefühltesten Dank darzubringen!
Daß ich mein Werk nicht erst Ihrer besonderen Sorgfalt zu empfehlen brauche, hat mich die zweite Hälfte Ihres lieben Briefs gelehrt. Ich bin wegen der Ausführung ohne Besorgnis. Auch ist es nicht so schwer wie „des Heilands letzte Stunden“. Die einzige Stelle, die mit dem Orchester recht sorgfältig eingeübt werden muß, ist das Rezitativ des Belsazar wo die schreibende Hand erscheint.3 Für die Solosänger ist das Quartett „laßt tönen die Harfen“ sehr schwer4 und kann nicht genau genug eingeübt werden. Doch auch deshalb bin ich unbesorgt, da die Engländer ein besonderes Talent für vielstimmige Gesänge und deren reine Intonation besitzen, wie ich oft an der Vortrag der Glees gehört habe. Die beyden letzten Chöre des Oratoriums hätte ich gern in Norwich gehört, da ich hier mit deren Execution nicht recht zufrieden war. Ich bin überzeugt, daß sie dort mit allen vorgeschriebenen Nuancen von p. und f. werden gesungen werden. Doch ich darf mir das Herz mit solchen Wünschen nicht wieder schwer machen!
Sobald Sie nach Norwich kommen, bitte ich dem Comittée mein Bedauern auszudrücken, daß ich das für das.dortige Musikfest geschriebene Oratorium nicht auch selbst dort einführen kann, wie ich so sehr gewünscht hatte. Auch dem Herrn Maire Marschall bitte ich zu sagen, wie sehr es mich schmerzt, seiner freundlichen Einladung keine Folge leisten zu können!
Was unser Wiedersehen betrifft, so hoffe ich, es soll recht bald durch Ihren Besuch in unserm Hause stattfinden, so wie wir uns auch sehr auf den Besuch Ihres lieben Töchterchens5 freuen! Leben Sie wohl und erfreuen Sie mich nach dem Musikfeste ja mit einer recht langen Relation desselben.
Ihrer lieben Familie unsere innigsten Grüße!
Von Herzen ganz

der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Adolph Frederick Cambridge, Herzog
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Marshall, John
Taylor, Margaret
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Karlsbad
Erwähnte Institutionen: Norfolk and Norwich Triennial Festival
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842080804

http://bit.ly/2FXE8C2

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Taylor an Spohr, 24.06.1842. Der Postweg dieses Briefs überschnitt sich mit Taylor an Spohr, 05.08.1842 und 10.08.1842. Taylor beantwortete diesen Brief am 23.08.1842.

[1] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 07.07.1842.

[2] Der spätere Kurfürst Friedrich Wilhelm.

[3] Nr. 23 (vgl. Louis Spohr, The Fall of Babylon. An Oratorio, London [1864], S. 125-128).

[4] Nr. 27 (vgl. ebd., S. 149-153).

[5] Margaret Taylor.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.01.2019).