Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18420708>

Sr. Wohlgeb
Herrn Adolph Hesse
Oberorganist
Breslau

frei bis zur
Grenze


Carlsbad den 8ten
Juli 1842

Lieber Freund,

Leider heißt es „Nicht-England! Gestern Abend erhielt ich einen Brief von Herrn Tailor aus London1, worin er mir meldete, daß das zweite Gesuch um Urlaub für mich, in einem eigenhändigen Briefe des Herzogs von Cambridge an den Prinz, von diesem ebenfals abschlägich beantwortet worden ist.2 Der Herzog ist, wie früher Lord Aberdeen, höchst ungehalten über die Ungefälligkeit des Prinzen und hat sich gegen Herrn Tailor auf das kräftigste darüber ausgesprochen. Ich muß mich nun an den Gedanken gewöhnen auf diese Reise, auf die ich mich seit 3 Jahren gefreut habe, verzichten zu müssen. Ich muß nun gleich nach der Rückkehr eine Arbeit beginnen, die mich meinen Ärger vergessen läßt! –
Unser hiesiger Aufenthalt war bisher ganz angehehm. Wir haben einen kl. Zirkel von eifrigen Musikfreunden um uns versammelt, denen wir bereits viermal vormusizirten.3 Herr Weinhold besuchte die letzte dieser Matinéen ebenfalls. Leider giebt es keinen brauchbaren Violoncellisten hier, so daß wir die Trio‘s nicht haben geben können. Dieß ist mir deshalb leid, weil sich auch Tomascheck aus Prag unter unseren Zuhörern befindet. Auf der Rückreise werde ich 3 Tage in Dresden verweilen und bey Lipinsky oder Reisiger hoffentlich eine Musikparthie erleben und zu dieser dann die Trios zu Gehör bringen. Meine Frau spielt sie wirklich sehr gut und hat überhaupt bedeutend Fortschritt gemacht.
Unsere Nachmittage bringen wir größtentheils beym quod fis4 zu und gedenken Ihrer oft dabey. Doch haben wir auch schon alle die Bergparthien einmal gemacht. Die Wirtschaft auf dem Dreikreutzberg hat sich sehr erweitert; dafür ist aber die Kaffebude auf dem Hirschsprung ganz eingegangen.5 Carlsbad selbst hat sich sehr verschönert. Der Marktbrunnen, uns gegen über ist mit einer prächtigen Collonade geschmückt und zum Schlosbrunnen und das Markt Revir führt eine breite Treppe von Granit. Auch die Promenaden sind wieder erweitert(?) und verschönert.
Auf Ihren Besuch freuen wir uns schon und hoffen, daß Sie wieder Ihr kleines Stübchen in unserem Hause beziehen wollen. An Musik aller Art solles dann nicht fehlen!
Leben Sie wohl. Meine Frau und Fräulein Pauline grüßen freundlichst.
Mit wahrer Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr

NS. Durch Herrn Weinhold werde ich Ihnen einen Brief und ein Notenheft von Herrn Schuppert
zusenden.



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 22.06.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 15.10.1842.

[1] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 07.07.1842.

[2] Vgl. Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 273f. 

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 29.06., 02., 04. und 07.07.1842

[4] „quod vis“ = lat.: „was du willst“.

[5] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 25. Juni 1842.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.05.2015).