Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18420622>

Sr. Wohlgeboren
dem
Herrn Dr. Louis Spohr
Kurfürstlicher Hofkapellmeister
Ritter etc.
zur Zeit
in
Carlsbad

Cito


Breslau den 22 Juni 1842

Hochgeehrtester Freund und Gönner!

Überbringer dieser Zeilen ist Herr Musikverleger Weinhold von hier, dessen Gesundheit leider sehr angegriffen ist und der sein Heil von Karlsbad erwartet. Er ist ein sehr lieber und rechtlicher Mann und es würde gewiß zu seiner Erheiterung viel beitragen, wenn Sie bei irgend einer Gelegenheit, wo Sie mit Ihrer lieben Frau Gemahlin etwas zusammenspielen, ihn dazu gütigst einladen wollten, was sein sehnlichster Wunsch ist, und worum ich Sie hiermit ergebenst bitte. Ich selbst werde nach Carlsbad nicht kommen können, so schmerzlich mir dies auch für den Augenblick ist; doch habe ich dazu mehrere wichtige Gründe. 1) Habe ich eine Brunnenkur meiner Gesundheit wegen, Gott sei Dank nicht mehr nöthig, da ich durch sehr starke Bewegung, durch Schwimmenlernen, Abbrechen an Speise und Schlaf meine gesunde Verdauung wieder erhalten habe und auch 3 Zoll magerer geworden bin, wobei ich mich sehr wohl, lebendig und weit kräftiger, wie früher befinde. Karlsbad hätte ich indeß bei meiner Vollblütigkeit gar nicht anwenden dürfen, sondern nur Marienbad. 2) Haben wir bei der Kirche nicht wie Sie beim Theater gesetzliche Ferien, und da, wie Sie mir melden wegen England doch noch kein definitiver Beschluß gefaßt worden ist, kann ich jetzt keinen Urlaub nehmen, wenn ich nicht bestimmt erwarten soll, daß ein zweiter mir gewiß abgeschlagen wird. Sollte aber nun aus der englischen Reise nichts werden, so komme ich, wills Gott, im November nach Cassel. Vielleicht richten Sie es ein, daß ich eine Sinfonie im ersten Abonnementsconcerte aufführen kann. Schön, der hier Direktor eines Violin-Institutes ist, und neulich bei einer zweiten Prüfung erstaunenswerthe Beweise seiner Thätigkeit ablegte, indem er mit ganzem Orchester, wobei Geigen, Bratschen mit 55 seiner Zöglinge besetzt waren, eine Sinfonie von Haydn gab, ferner mehrere Zöglinge Kompositionen von Rode, Kalliwoda brillant vortrugen und ein Mozartsches Quartett sehr brav ausführten1, Schön also will mit mir reisen, seine Schwiegereltern in Kassel besuchen, und freut sich unendlich Sie einmal wieder zu sehen und zu hören. Gewiss habe ich von einer Reise im Winter in künstlerischer Beziehung mehr als jetzt. Ihre Trios höre ich in Cassel auf Streicherschem Piano und von einem Ihrer Violoncellisten begleitet, besser als jetzt. Quartett können Sie in Carlsbad auch nicht gut haben, freilich nach Ihrer Violine ist mir sehr bange, doch wird sie ja im November noch eben so schön sein, und in Ihrem Saale weit schöner klingen, als in den engen Karlsbader Stuben. Neulich fand in unserer Kirche eine Aufführung für wohlthätige Zwecke statt, wobei ich unter Andern God save the King vortrug.2 Ihre Duos so wie das liebe Rondo Alla Spagnuola werde ich dann auch auf das beste eingeübt haben. Ihrer Frau Gemahlin habe ich ein Rondo gracioso für Piano zu dediziren mich unterstanden; sobald es setzt herauskommt sende ich ein Exemplar nach Cassel, damit Sie es dann vorfinden.
Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, so wie Fräulein Pauline Pfeiffer auf das Angelegentlichste.

Ich aber bin

recht bald einer Nachricht wegen England oder Nicht-England entgegensehend

Ihr ergebener
Verehrer
A. Hesse

Heute tritt die Devrient hier im Fidelio auf.3



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 16.06.1842. Spohr beantwortete diesen Brief am 08.07.1842.

[1] Vgl. Vgl. „Aus Breslau, Anfang April”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 44 (1842), Sp. 357f., hier Sp. 358.

[2] Ein Konzert zum „besten der Kleinkinderschulen” (vgl. „Breslau”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 44 (1842), Sp. 522f., hier Sp. 523; „Mannichfaltiges”, in: Euterpe 2 (1842), S. 111; „Schreiben an E. Hentschel, die in Nr. 7 d. Bl. angezeigte ,geistliche Musik' in Breslau betreffend”, in: ebd., S. 193f.).

[3] Vgl. Albert von Wolzogen, Wilhelmine Schröder-Devrient. Ein Beitrag zur Geschichte des musikalischen Dramas, Leipzig 1863, S. 303f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.04.2015).