Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Den verflossenen Dienstag den 15ten dieses kam auf hiesigem Hoftheater zum erstenmale die Oper Jessonda zur Aufführung.
Die freude an diesem ächt deutschem Kunstwerke war eine um so größere, als es seit einer Reihe von Jahren von der Direktion zur Aufführung bestimmt1, diese aber durch ungünstige Theaterverhältnisse von einer Theatersaison zur anderen verhindert wurde und nun auf einmal über die Fluth moderner französischer u. italienischer Kunstprodukte wie eine alles überstrahlende Sonne hinleuchtete.
Madame Pirscher sang und spielte die Parthie der Jessonda ganz ausgezeichnet, Dem. Steck(???) mit ihrer schönen Stimme war sehr bray als Amazilly, Herr Waitzinger, Nadori, war unglücklicherweise an diesem Tage nicht ganz wohl, Herr Döring, Tristan, u. Herr Michel, Dandau, gaben sich alle Mühe u. wenn diese letzteren Parthien auch manches zu wünschen übrig ließen, so wirkte doch das Ganze, namentlich Orchester u. Chöre mit einer Liebe u. Hingebung für die Sache so zusammen, daß die Vorstellung eine recht gelungene genannt werden darf.2
Dem mächtigen Eindruck dieser herrlichen Tonschöpfung, Ihnen, Hochverehrtester Meister, zu schildern, vermag meine schwache Feder nicht und bey Erfüllung der angenehmen Pflicht Sie von der hiesigen Aufführung in Kenntniß zu setzen, kann ich nur berichten wie Alle, denen das Herz für das Wahre Schöne wamr im Busen schlägt, für diesen Hochenuß u. die Bereicerung ihres Kunstlebens Ihnen den wärmsten Dank zollen und von Begeisterung ergriffen dem deutschen Meister uns das Feuer ihrer Bewunderung zujubeln.
Erlauben Sie hierbei den Ausdruck der unbegrenzten Hochachtung zu wiederholen mit welcher die Ehre hat zu zeichnen

in innigster Verehrung
W. Mangold.

Darmstadt den 18ten May 1842.

Erwähnte Personen: Döring, Franz
Michel, Johann
Pirscher, Agnes
Steck, Marie
Waitzinger, Joseph
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Jessonda
Erwähnte Orte: Darmstadt
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Darmstadt>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842051844

http://bit.ly/2HpZfyR

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Mangold, 01.02.1842.

[1] Das Darmstädter Theater hatte Jessonda bereits 1830 bestellt (vgl. Spohr an Mangold, 15.07.1830).

[2] Zum Darmstädter Ensemble zu dieser Zeit vgl. Hof- und Staatshandbuch des Großherzogthums Hessen (1841), S. 54.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (25.04.2018).