Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,212

Sr. Wohlgeborn
Herrn Hofkapellmeister Dr Louis Spohr
in Cassel

frei


Hechingen, am 7ten May 1842.

Hochgeehrter Gönner und Freund!

Ihr werthes, vom 2ten dieses habe ich erhalten und mit Bedauern daraus ersehen, daß ich, wenigstens für dieses Jahr, auf die Aufführung Ihres schönen Oratoriums „Die letzten Dinge” verzichten muß, denn auf’s ungewisse, ob sich die Partitur und Orchesterstimmen bald wieder finden werden oder nicht1, kann ich deshalb nicht warten, weil ich mit meinem Gesangverein immer 2-3 Monate zum Einstudiren solcher Werke brauche und deshalb nächstens damit anfangen muß. Der fatale Umstand thut mir um so mehr leid, als ich bereits aus dem Clavierauszug ersehen habe, daß dieses Oratorium unsern etwas schwachen Vocal-Kräften angemessen gewesen wäre, aus welchem Grunde ich auch schon die Chorstimmen von Maynz verschreiben ließ. Obgleich es ungern geschieht, so bleibt doch jetzt nichts anderes übrig, als sich mit Geduld darin zu ergeben, indessen wünsche ich von Herzen, daß sich die Partitur wieder finden möchte, um vielleicht ein andermal davon Gebrauch machen zu können.
Um aber eben doch, wo möglich, eine Ihrer dramatischen Compositionen geben zu können, so ergeht nun an Sie hiemit die Frage, ob Ihr anderes Oratorium „Des Heilands letzte Stunden”, wovon, so viel ich weiß, kein Clavierauszug im Stich heraus ist, hauptsächlich dem Sängerpersonale keine größeren Schwierigkeiten auferlegt und ob Sie glauben, daß ich mit den hiesigen Kräften, die „den letzten Dingen” ziemlich gewachsen gewesen wären, dasselbe mit Erfolg aufführen kann oder nicht?
Im Bejahungsfalle würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie die Güte haben wollten, die Partitur und Orchesterstimmen sogleich durch die Post hieherzusenden (die Chorstimmen sind meines Wissens ja auch bei Schott erschienen), wobei ich noch bemerken muß, daß wir 3 erste- und 3 zweite Violinstimmen, 2 Viola- und 2 Baßstimmen brauchen.
Im Verneinungsfalle aber bitte ich Sie, mir womöglich umgehend mit einigen Zeilen davon Nachricht zu geben, damit ich mich auf der Stelle nach etwas anderem umsehen kann.
Indem ich Sie wegen Ihrer hierdurch verursachten Mühe um Vergebung bitte, empfehle ich mich Ihnen und Ihrer lieben Frau bestens und verbleibe mit vollkommenster Hochachtung und Freundschaft von Herzen

Ihr
Th. Taeglichsbeck

Die freundlichen Grüße an meine Frau kann ich für die[sesm]al aus dem Grunde nicht erwidern, weil s[ie] schon seit einigen Wochen in Stuttgart bei ihrer Mutter ist, die sehr bedeutend krank war, jetzt aber Gottlob! wieder auf dem Weg der Besserung ist.

Erwähnte Personen: Täglichsbeck (Ehefrau von Thomas Täglichsbeck)
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Erwähnte Orte: Mainz
Stuttgart
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Hechingen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842050743

http://bit.ly/1rEnEEy

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollen Brief von Spohr an Täglichsbeck. Spohrs Antwortbrief ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 03.05.1842.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.05.2016).