Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,128

London 12 April 1842
3 Chester Place
Regts Park


Verehrter Herr,

Mein Mann, der kürzlich durch den Verlust seiner guten Mutter tief gebeugt, dadurch zu gar mancen Geschäften unfähig geworden ist, findet sich heute so mit Lectionen überhäuft, daß er hofft Sie werden es gütigst entschuldigen wenn er seinen Secritaire intim & habituel beauftragt Ihnen seine Gedanken noch vor Abgang der heutigen Post mitzutheilen.
Moscheles meint es müsse Ihnen aus seinen beiden letzten Briefen noch mehr aber aus Ihren eigenen [???], recht klar seyn, mit welche einigem Interesse er sich befleißigte Ihr letztes Meisterwerk, die Sinfonie, würdig zu leiten; auch erwähnte er in seinem ersten Brief an Sie1, verehrter Herr, daß der Wunsch ein solches Werk zu verdolmetschen u die Auszeichnung die Sie ihm zu Theil werden ließen, indem Sie selbst ihn dazu erwählten, ihn gar manche Differenz übersehen ließen, die zwischen ihn u der philharmonischen Direction herrschte; er setzte sich um so leichter über Alles hinweg, als das siebenfache Directions-Haupt, jetzt aus 4 sehr jungen, eigentlich unter ihm stehenden, u 3 sehr alten, leicht überstimmten Gliedern besteht; – ein Uebelstand, der eben jetzt eine gänzliche Spaltung zwischen ihm u den Herren hervorgebracht hat. Die Anmaßung mit der man ihm kürzlich begegnet u die man sogar so weit trieb 2 höflichst verlangte Billette (für einen halb-leeren Saal) durch den Secretaire2 mit dürren Worten auszuschlagen, hat einen unangenehmen Briefwechsel herbeigeführt u meinen Mann veranlaßt, die Einladung zum Solospielen rund abzuschlagen. Was die Symphonie betrifft, so bewahren die Herrn darüber ein gänzliches Stillschweigen seit der Trial-night, nach welcher Moscheles das Vergnügen hatte Ihnen zu schreiben; diese Symphonie zu dirigiren hat er Ihnen nie abgeschlagen, doch ob sie ihn jetzt, wo sie einsehn gelernt haben daß seine Dienste nicht ohne Höflichkeits-Bezeugungen zu verlangen sind, noch dazu einladen werden, das bleibt ihm ein Räthsel. Die frühere Einladung war nur zu einer extra Probe (trial-night) u seines Wissens war die Symphonie noch zu keinem bestimmten Concerte gesetzt. Er fürchtet so sehr die Product[ion] Ihres Werks zu verzögern, daß er z[war] keinen Posttag aufschieben wollte, Ih[nen] zu berichten wie die Sachen stehn un[d] Ihnen anheim zu stellen sich einen an[dern] Dirigenten zu wählen, oder sonst mit [der] Direction über diesen Gegenstand zu correspondiren. Da er selbst Ihnen noch [mit] zwei Worten sein Bedauern über [das] Vorgefallene, insofern es Sie, verehrter H[err,] angeht, ausdrücken will, so schließe ich mit der Versicherung unbegrenzter Hochachtung

Charlotte Moscheles


Geschätzter Freund

Was den Bruch mit den Philh. Directoren herbey geführt hat will ich nächstes detaillirt beschreiben, ich hoffe nur daß die Aufführung Ih[rer] Sinfonie deswegen keinen Aufschub erleiden3 wird, u daß die Direktion keinen Andern als mir die Lei[tung] derselben anvertrauen4 u mich wenigstens mit einer höflichen Art dazu veranlaßen wird.
Wie immer freundschaftlichst der I[hrige]

I. Moschel[es]

Erwähnte Personen: Watts, William
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Irdisches und Göttliches im Menschenleben
Erwähnte Orte: London
Erwähnte Institutionen: Philharmonic Society <London>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842041242

http://bit.ly/2qrcI0c

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Ignaz Moschels an Spohr, 31.03.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ignaz Moscheles an Spohr, 16.04.1842.
Mit Charlotte Moscheles an Spohr, 03.07.1848 beginnt eine eigenständige Korrespondenz zwischen Charlotte Moscheles mit Spohr.

[1] Vgl. Moscheles an Spohr, 24.12.1841.

[2] William Watts.

[3] „leiden“ über gestrichenem „theilen“ eingefügt.

[4] Hier gestrichen: „wird“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (03.05.2017).