Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. hist. litt. 15[195,10

Cassel den 3ten Januar
1842.

Mein theurer Freund,

Beykommend erhalten die die Partitur des neuen Oratoriums und die Ouvertüre zu 4 Händen, Es war mir sehr ärgerlich aus Ihrem Brief zu ersehen, daß die Stimmen inkorrekt sind und ich habe die Abschreiber tüchtig gescholten. Dieß hilft nun freilich nichts mehr und Sie werden leider die Mühe übernehmen müssen, die Stimmen nach der Partitur, die korrekter seyn wird, zu corrigiren.
Im 2ten unserer Abonnementsconcerte wurde ein neues Werk von mir gegeben, welches wegen seiner neuen Form und seines Inhalts bey unserm Publiko große Theilnahme erregte und manche der Zuhörer so ergriff, daß es sie die ganze folgende Nacht nicht schlafen ließ. Es ist eine Doppelsymphonie für zwei Orchester, dessen eines, aus Soloinstrumenten bestehend, das gute Prinzip repräsentirt. Ich lege Ihnen den vollständigen Titel bey und wünschte, Sie übersetzten ihn ins Englische. Die Motto‘s zur Erklärung des Inhalts sind von meiner Frau gedichtet und sie meint, nur Ihrer gewandten Feder werde es gelingen, sie in gutes Englisch zu übertragen. Die Symphonie soll nämlich während der Saison auch in London in einem der philharmonischen Concerte gegeben werden1 und ich habe sie der Gesellschaft bereits zugesagt unter der Bedingung, daß sie Moscheles dirigire und sie so lange probirt werde, bis sie fehlerlos geht.2 Da die Mottos dem Textbuche einverleibt werden müssen, so würden Sie durch eine Übersetzung des beyliegenden Blättchens3 nicht allein mich recht sehr verbinden, sondern gewiß auch Herrn Moscheles aus einer Verlegenheit reißen. - Meine Frau wünscht aber sehr, dann auch einmal gelegentlich eine Abschrift der Übersetzung zu erhalten.
Daß Sie glauben, es werde möglich sein, Prinz Albert für meine Urlaubsangelegenheit zu interessiren, hat mich sehr beruhigt; denn wenn er in dem Gesuch auch nur genannt ist, so darf ich hoffen, daß der Urlaub nicht verweigert werde. Wir werden uns in diesem Falle unendlich freuen, England noch einmal4 betreten und in Ihren und der Ihrigen lieben Gesellschaft eine Woche fröhlich und genußreich verleben zu können!
Mit dem herzlichen Wunsche, daß Sie das neue Jahr mit allen Ihren Lieben recht gesund und vergnügt angetreten haben und unter besten Grüßen meiner Frau, der Frau von Malsburg und aller Ihrer hiesigen Bekannten, ganz

der Ihrige
Louis Spohr.



Dieser Brief ist die Antwort auf Taylor an Spohr, 24.12.1841. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Taylor, 17.03.1842.

[1] Vgl. William Watts an Spohr, 27.10.1841 und 27.12.1841.

[2] Vgl. Spohr an Ignaz Moscheles, 12.12.1841.

[3] In der Handschrift Marianne Spohrs das Programm der Sinfonie Irdisches und Göttliches im Menschenleben:

„Irdisches und Göttliches im Menschenleben
Doppel-Symphonie für zwei Orchester
von Louis Spohr.

Erster Satz. Kinderwelt.
Das Kind in sel’gem Unschuldstraum
Ahnt der Versuchung Nähe kaum.
Reißt ihre Lockung es auch hin, -
Sie trübt noch nicht den reinen Sinn.

Zweiter Satz. Zeit der Leidenschaften.
Doch in des Herzens heiligste Gefühle
Mischt bald sich wilder Leidenschaften Streit;
Es wird der Mensch entrückt dem hohen Ziele,
Er folgt der Welt, - denkt nicht der Ewigkeit!

Dritter Satz. Endlicher Sieg des Göttlichen.
Wird aber in des ird'schen Treibens Ketten
Der freie Geist nun ganz gefangen sein? -
O nein ! sein Genius wacht - mahnt - will ihn retten:
Er siegt, - und sel’ge Ruh zieht bei ihm ein! -

[4] Hier gestrichen: „zu“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.12.2018).