Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hamburg, d. 22 Dec. 1841.

Hochgeehrter Herr!

Hierdurch bin ich so frey, Sie um gefällige Mittheilung Ihrer Ansichten über meine Beurtheilung der hier beifolgenden Melodien, welche (mit mehreren anderen Melodien) mir zur harmonischen Ausarbeitung vom Senior Rambach aufgegeben sind, zu ersuchen, und bitte zugleich, mir mit Ihrem Urtheil diese Beilagen (wenn möglich baldigst) gütigst wieder zukommen zu lassen. Zur näheren Verständigung muß ich hier anmerken, daß die Auswahl der sämmtlichen (76) nun aufgenommenen (aber durchgängig alten) Melodien zum neuen Gesangbuche, einzig und allein den oft wunderlichen Ansichten und dem ängstlich-pedantischen Geschmack einiger – zum Theil ganz unmusikalischen – Prediger, und besonders dem Senior Rambach überlassen war! Letzterer hat sich zwar viel mit dem historischen Theil solcher alten Gesänge beschäftigt, und mag demnach allerdings Übung und Kenntniß in diesem (, nach meiner Anischt, im Ganzen doch nur trockenen, seelenlosen, dem praktischen Musiker wenig nützenden) Studium erlangt haben. Daß er aber mit dieser Kenntniß allein befähigt seyn kann, über den eigentlichen musikalischen Werth der Melodien zu urtheilen, will mir doch nicht recht einleuchten; wenigstens erscheint er mir in seinen Ansichten und Urtheilen als ein unerträglicher, trockener, ängstlicher Pedant, indem er überall nur immer die, oft im höchsten Grade, mangelhafte Original-Melodie, ohne die geringste verbesserte Abweichung, aufgenommen haben will! Selbst da, wo durch Änderung einer einzigen Note die Melodie zu verbessern wäre, (s.d. Beilage,) verlangt er immer (ungeprüft) das Original! – Die Äußerung der Hn. Natorp, Kessler & Rink, über diesen Gegenstand, ist mir – in aller Hinsicht, – ganz aus der Seele genommen. (S.d. Beilage.)
Daß in Schuberth's Preis-Institut1 N. 18 den ersten2, N. 38 den zweiten3, und (auf4 mein Betreiben,) N. 435 einen dritten Preis erhalten hat, haben Sie wohl schon erfahren. So sehr ich mich auch bemühte, der Sonate N. 43 den ersten Preis zu verschaffen, so – arbeiteten doch besonders Ks6. & M.7 dagegen! – Ihr, mit meiner Ansicht so ganz übereinstimmendes Urtheil über diese Sonate überraschte mich um so freudiger, als ich schon, ehe ich dasselbe erfuhr, bei meinen Notizen, diese Sonate betreffend, u. A. bemerkt hatte: „Spohrisch!“ –
Ihnen und Ihrer lieben Familie ein fröhliches Fest & ein recht glückliches Neujahr wünschend, bittet um Ihr ferneres, gütiges Wohlwollen und um viele Grüße

Ihr
ergebenster
J.F. Schwenke.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schwencke an Spohr, 14.08.1840. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schwencke an Spohr, 06.01.1844.

[1] Unter der Federführung des Hamburger Verlegers Julius Schuberth veranstaltete der Norddeutsche Musikverein ab 1841 halbjährlich ein Preisinstitut. Beim ersten Wettbewerb war dieser Preis für eine viersätzige Klaviersonate ausgelobt. Schwencke gehörte zu den Preisrichtern. Vgl.: Miscellen, in: Jahrbücher des deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaft 3 (1841), S. 16.

[2] Charles Vollweiler, Klaviersonate op. 3 (vgl.: Allgemeine Zeitung <München> (1842), S. 912).

[3] Julius Emil Leonhard, Sonata quasi Fantasia, op. 5.

[4] „auf“ über der Zeile eingefügt.

[5] Johann Peter Emilius Hartmann, Klaviersonate Nr. 1 d-Moll, op. 34.

[6] Karl August Krebs, der wie Schwencke der Jury angehörte.

[7] Eduard Marxsen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (05.12.2018).