Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. hist. litt. 15[195,9
Druck: Peter Schmitz, „Ein rentables Geschäft? Zum Stellenwert von Oratorien in Verlagsprogrammen des 19. Jahrhunderts am Beispiel von Louis Spohr“, in: Die Oratorien Louis Spohrs. Kontext – Text – Musik, hrsg. v. Dominik Höink, Göttingen 2015, S. 131-150, hier S. 141f. (teilweise)

Professor Taylor.
Red Lion Court
Fleet Street
London.


Cassel den 12ten Dec.
1841.

Mein verehrter Freund,

Ihre Partitur von „Babylons Fall“ nebst der 4-händigen Ouvertüre im Clavierauszuge liegen zur Absendung bereit and ich bitte mir zu schreiben, ob ich das Paquet wieder an Herrn Perthes in Hamburg zur Weiterbeförderung senden soll1, oder ob Sie mir eine andere Gelegenheit anzugeben wissen. -
Nachdem, was Sie mir über den geringen Absatz der Partitur in England geschrieben haben und da ich gesehen habe, daß sich Ihre englischen Worte meiner Partitur ohne ziemlich viele Veränderungen der Noten nicht unterlegen lassen, bin ich mit dem Verleger meiner Ausgabe übereingekommen, daß nicht nur der Clavierauzug sondern auch die Partitur lediglich mit deutschen Worten erscheinen soll. Das Werk wird bald in Arbeit genommen, aber erst, unserer Verabredung gemäß, im August des nächsten Jahres versandt werden, so daß dem Festcomittée in Norwich die Gewißheit bleibt, die erste Aufführung des Werks zu behalten. Da ich bey diesem Oratorium welches ich für mein bestes Werk im Kirchenstyl halte, darauf bestand, daß auch die Partitur gestochen werden sollte, so mußte ich der Erfüllung dieser Bedingung ein ziemlich bedeutendes Opfer bringen und mich mit einem, verhältnismäßig kleinen Honorar begnügen, indem der Verleger durch den Verkauf der Partitur, auch in Deutschland, nicht soviel gewinnen kann, wie der Stich derselben kostet.2 Hätte ich das Oratorium, wie meine beyden ersten3) auf eigene Rechnung herausgeben können, so würde ich viel mehr damit haben verdienen können. Ich konnte mich aber, weil damit eine ungeheure Arbeit und Correspondenz verknüpft ist, nicht dazu entschließen.
Lassen Sie mich nun zuerst Ihnen unsren herzlichsten Glückwunsch zu der neuen Würde als Großvater darbringen und erfreuen Sie uns recht bald durch die Nachricht, daß sich der neue Weltbürger nebst seiner liebenswürdigen Mutter4 recht wohl befinde!
Ohnlängst erhielt meine Frau einen Brief von der kleinen, lieben Marie Marschall in Norwich, worin sie uns meldete, daß ihr Vater für nächstes Jahr wieder zum Maire erwählt sey, nun wieder recht thätig für das Musikfest seyn könne und fest darauf rechne, daß wir wieder bey ihm wohnen würden. Das würden wir mit Freuden annehmen, wenn mir nur erst der Urlaub bewilliget wäre! Um diesen zu erlangen, wiederhole.ich meine Bitte, daß Sie im Frühjahr es dahin zu bringen suchen, daß vom Prinz Albert dem englischen Gesandten5 in Frankfurt der Auftrag gegeben werde, den Urlaub für mich bey unserm Prinzen zu erbitten. Wäre es freilich möglich, daß das Gesuch direkt von London an unsern Prinzen6 gelangte, so würde es wohl noch sicherer zum Ziele führen! Doch hoffe ich, es wird auch gelingen, wenn der Gesandte die Mittelsperson macht!
Meine Frau, die Ihre liebe Familie auf das herzlichste grüßt, wird mit dem Paquet schreiben.
Mit inniger Freundschaft ganz

der Ihrige
L. Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Taylor an Spohr, 23.09.1841. Taylor beantwortete diesen Brief am 24.12.1841.

[1] Vgl. Spohr an Perthes & Besser, 20.08.1841.

[2] Vgl. Breitkopf & Härtel an Spohr, 26.10.1841; Schmitz, S. 141.

[3] Gemeint sind Die letzten Dinge und Des Heilands letzte Stunden, nicht sein erstes, unveröffentlichtes Oratorium Das jüngste Gericht.

[4] Meta Taylor.

[5] Noch nicht ermittelt.

[6] Der spätere Kurfürst Friedrich Wilhelm.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.12.2018).