Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18410806>

Cassel den 6ten August
1841.

Geehrter Freund,

Ihren lieben Brief erhielt ich einige Tage vor unserer Abreise in die Schweiz, wo ich schon mit einem Fuß im Wagen stand, alle Gedanken wenigstens schon auf der Reise waren. Dieß ist der Grund, warum ich ihn nicht gleich beantwortet, welches ich zu entschuldigen bitte. – Was Ihren Wunsch betrifft mit nach England zu reisen, so wird sich das von Ihrer Seite leicht ausführen lassen, da Sie sich die nöthigen Gulden dazu sammeln. Ich selbst bin aber noch sehr im Zweifel, ob es mir gelingen wird, den Urlaub auszuwirken. Wenn sich nicht vieleicht der Prinz Albert dazu versteht, an unseren Prinzen deshalb zu schreiben, so werde ich ihn, fürchte ich, nicht erhalten. Reisen wir hin, dann wird es uns freuen, die Reise in Ihrer Gesellschaft machen zu können und ich werde mich gern beym Comittée des Musikfestes verwenden, daß Sie zur Mitwirkung beym Fest eingeladen werden. Am einfachsten würde sich dies arrangiren lassen, wenn Sie sich erbäten, in meinem Abendconcerte ein Beethovensches Clavierconcert vorzutragen. Auch könnten Sie in einem späteren Concerte vieleicht eine Bach‘sche Orgelcomposition spielen. Eine Ihrer Sinfonien zu Ohren zu bringen, würde schwieriger seyn, da nur Sinfonien gegeben werden, sozu keine Probe nöthig ist, allso solche, die in der Philh. Gesellschaft oft gegeben und daher dem Orchester sehr bekannt sind. Denn zu den Proben für 6 Musikaufführungen ist nur ein einziger Tag anberaumt. Es kann daher kaum der 3te Theil der aufzuführenden Musik probiert werden. Alle Händelschen Oratorien werden ohne Probe gegeben und gehen doch gut. Im nächsten Frühjahr wollen wir das Nähere über diese Angelegenheit besprechen.
Unsere Reise war mir höchst angenehm und ein steter Wechsel von Kunst- und Natur-Genüssen. Zu ersteren zähle ich die Rheinfahrt an einem stillen, wunderschönen Tage1, den Besuch des Rheinfalles bey Schaffhausen2, die Fahrt über den Albis3 und die auf dem Dampfbotte über den Vierwaldstätter-See.4
– Zu den Kunstgenüssen unser Aufenthalt in Hechingen5, mein Quartettabend bey Mollique6, das Musikfest in Luzern7 und allenfals auch die Iphigenie in Aulis in Frankfurt8, obgleich ich mich ein wenig ennuyirt. Hechingen ist ein kleines musikalisches Eldorado, der Fürst der liebenswürdigste Meloman auf der Welt und die Kapelle vortrefflich. Bei unserer Ankunft wurden wir vom Kapellmeister Täglichsbeck im Rasthause erwartet, gleich in den Concertsaal geführt, wo die Kapelle schlagfertig stand, dort dem Fürsten vorgestellt, dann vom Contrabassisten herranguirt9 (der zugleich Oberfarrer ist,)10 und dann wurde meine 5te Sinfonie in einer Saalordnung executirt wie ich sie noch nicht gehört hatte. Am andern Abend war eine Soirée bey der Fürstin11, die ebenfals große Freundin der Musik und höchst liebenswürdig ist, in welcher ich zuerst das neue Trio mit meiner Frau und einem vortrefflichen Violoncellisten, namens Oswald, den ich schon den Abend vorher als Solospieler bewundert hatte, und mein 1stes Doppelquartett spielte. Dies war im Voraus auf das sorgfältigste von Täglichsbeck eingeübt worden und ging daher ganz vortrefflich. Zwischen beyden Sachen sang der Fürst einige Lieder von eigener Komposition sehr hübsch.12 Es würde schwer seyn die Theilnahme, die der Fürst, die Fürstin und der ganze musikalische Hof an der Musik nehmen zu schildern, aber gewiß ist‘s, daß ich nie im Leben dankbarere Zuhörer hatte, als an jenem Abend und selbst ein vergnügtes war! Die übrige Zeit unseres dortgen Aufenthaltes füllten Spazierfahrten in die schöne Umgegend von Hechingen, Dinérs und Soupérs aus. Am Tage der Abreise begleitete uns der Fürst und ein Theil seiner Kapelle eine Raststation13 weit, dort wurde noch ein gemeinsamschaftliches Mittagsmahl eingenommen, welches auch unter die fröhlichsten gehört, deren ich mich erinnere und dann unter Thränen Abschied genommen. Der Fürst war so gerührt daß er sich kaum fassen konnte und auch wir schieden mit schwerem Herzen von alle den liebenswürdigen Menschen. – Das neue Trio, welches die Lieblingskomposition unseres musikalischen Zirkels geworden ist, haben wir auch in Stuttgart bey Mollique und in Luzern bey Neukomm gespielt. Jetzt wird es binnen kurzem bey Schuberth in Hamburg gestochen seyn und dann hoffentlich auch ein Lieblingsstück der Salons werden, da es für alle 3 Instrumente gleich brillant und dankbar ist. – Leben Sie wohl. An Köhler und unsere Carlsbader Damen14 die besten Grüße. Mit echter Freundschaft der Ihrige

Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 14.06.1841. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 31.01.1842.

[1] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 08.07.1841.

[2] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 09.07.1841.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 11.07.1841.

[4] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 15.07.1841.

[5] Vgl. „Hechingen, den 5. September 1841”, in: Der musikalische Postilion 1 (1841), S. 151

[6] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 05.07.1841.

[7] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheinträge 11.-18.07.1841.

[8] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 24.07.1841.

[9] [Ergänzung 18.09.2018:] „haranguiren, feierlich anreden, eine Anrede halten“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 217).

[10] Louis Spohr’s Selbst-Biographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 258 zufolge handelt es sich um den „Prediger Reiners”, nach Marianne Spohr, Tagebucheintrag 6. Juli 1841 um „Prediger Reinert”. Ein anderer Bericht über das Hechinger Orchester nennt hier den Namen „Reiner” („Feuilleton”, in: Jahrbücher des deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft 1 (1840), S. 167). Da Hector Berlioz über seinen Hechingen-Aufenthalt 1843 berichtet, „le pasteur archiviste d’Hechingen joue la première contrebasse à la satisfaction des compositeurs les plus exgeants” (Voyages musical en Allemagne et en Italie. Études sur Beethoven, Gluck et Weber, Paris 1844, S. 45), handelt es sich wohl um den 1838 zum Archivar ernannten Geistlichen Josef Anton Reiner (vgl. Volker Trugenberger, „Wichtige Schriften ... wie Mist vermengt. Die Archive der hohenzollerischen Fürstentümer im 18. und 19. Jahrhundert”, in: Umbruch und Aufbruch. Das Archivwesen nach 1800 in Süddeutschland und im Rheinland, hrsg. v. Volker Röder (= Werkhefte der Staatlichen Archivverwaltung Badenwürtemberg A 20), Stuttgart 2005, S. 175-197, hier S. 185).

[11] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 07.07.1841.

[12] Vgl. Berlioz, S. 44.

[13] Balingen (vgl. „Hechingen”, S. 151).

[14] Vermutlich Familie Friesner (vgl. Kommentar zu Spohr an Hesse, 06.09.1838).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.05.2015).