Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18410609>

Cassel den 9ten Juni
1841.

Geehrter Herr u Freund,

Wenn die Ferienzeit heranrückt, pflege ich mich dem Briefschreiben zu unterziehen, damit ich mit reinem Gewissen die Freuden der Reise ungetrübt genießen kann. Nun belastet mich aber keine mehr, als die, die ich jetzt abtragen will.
Also zur Sache!
Unsere Abonnementsconzerte enthielten viel werthvolles, zur 9ten Sinfonie von Beethoven, wenn dies überhaupt dazu gehört, kam es aber nicht. Zwar hatten wir sie vorgesehen und der Chordirector Baldewein hatte sich 4 Wochen lang mit dem Einüben des Theaterchors geplagt; wie es aber endlich zur Probe mit Orchester kam, schien mir der Chor so roh und unrein, daß ich von dem „Schönen Götterfunken“ einen solchen Ekel bekam, daß wir es lieber ließen und statt der 9ten die 7te in a gaben, womit die Leute auch zufrieden waren. Wir haben die Sinfonie übrigens hier schon gegeben und zwar mit einem sehr sorgfältig eingeübten Chor beyder Vereine, doch war der Eindruck des letzten Satzes auf die Musikverständigen mehr ein komischer als erhebender.1 Ich kenne nichts verfehlteres und trivialeres als diesen letzten Satz und kann die Leute die Enthusiamus dafür heucheln, nur bedauern! – Durch die Schließung unseres Theaters auf 4 Wochen, veranlasst durch die Landestrauer um die Kurfürstin,2 gewann ich Zeit die Chöre meines neuen Oratoriums recht tüchtig einzuüben und so hatte ich dann, wo der Charfreitag herankam einen Chor zur Disposition so kräftig und rein, wie wir ihn hier vorher noch nicht gehört haben. Sologesang und Orchester waren auch schon in Vorproben auf das genaueste eingeübt, so daß nun mit 2 Hauptproben in der Kirche ein Ensemble erreicht wurde, wie ich es vorher fast nie gehört habe und wie es bey Musikfesten nie zu erreichen ist.3 Es machte mir daher diese erste Aufführung meines neuen Werkes unendliche Freude, die noch dadurch gesteigert wurde, daß das Publikum sich zahlreich, wie ja früher eingefunden hatte und eine Theilnahme zeigte, wie wir sie von unseren froschblüthigen gar nicht gewohnt sind. Es wurde allgemein auf den ersten Pfingsttag eine Wiederholung gewünscht und unsere Wittwenkasse hätte eine zünftige zweite Einnahme gehabt; allein der Prinz verweigerte die Erlaubnis, warum, weis niemand.
Ich halte dieß Oratorium für meine beste Gesangkomposition und wünsche ungeduldig die Zeit herbey, wo es in England gegeben seyn wird und ich es veröffentlichen darf. Die gute Aufnahme, die mein vorletztes in Norwich fand und der Auftrag der mir gegeben wurde, für das nächste Musikfest ein neues zu schreiben, waren mir aber auch fortwährend ein Sporn bey der Arbeit und nie habe ich mit solcher Lust geschrieben. Doch war auch das Gedicht günstig und führte mich auf einen neuen, von den früheren Arbeiten der Gattung, sehr abwechselnden Styl. – Außer dem Oratorium habe ich eine Phantasie für Pianoforte und Violine über Themen aus dem Alchymist, einen Psalm zu englischem Text für einen Londoner Musikfreund4 und ein Trio in 4 Sätzen für Piano, Violine und Violoncell geschrieben. Letzteres ist eben erst fertig geschrieben und soll morgen bey einer Musikparthie in unserem Hause vom Stapel laufen.5 Die Phantasie wird nächstens in Wien bei Mechetti erscheinen, auch die historische Sinfonie.
Ende dieses Monaths mache ich mit meiner Frau eine Reise in die Schweiz die sie noch nicht sah. Wir werden es so einrichten, daß wir den 13 und 14ten Juli in Luzern beym Musikfest anwesend sind.6 Es wird am 1st Tage mein Oratorium „des Heilands letzte Stunden“, außerdem noch ein Oratorium von Neukomm und Concertmusik gegeben werden.7 Die Besetzung ist zwar sehr zahlreich, da sie aber größtentheils aus Dilettanten besteht, so erwarte ich nicht eben ausgezeichnetes. Die Chöre werden indessen doch gut seyn. Auch haben sie eine vortreffliche Solostängerin, Madame Stockhausen, die die Parthie der Maria letztes Musikfest in Norwich zum Entzücken schön sang. Sie ist eine Schweizerin und besitzt ein Gut in der Nähe von Luzern. – Wohin werden Sie denn ausfliegen? Werden wir uns diesen Sommer nicht sehen? – Ihr Breslau fängt an, sich in politischer Hinsicht zu emanzipiren. Ihr Magistrat hat sich einen Namen gemacht. Wenn es jetzt nur dem naseweisen Landrath würdig antwortet!8 – Leben Sie wohl. Herzliche Grüße an Köhler p.p. Von Herzen der Ihrige Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 19.05.1841. Hesse beantwortete diesen Brief am 14.06.1841.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Kurfürstin Auguste starb am 19.02.1841 (vgl. „Kassel”, in: Bayreuther Zeitung (1841), S. 202). 

[3] Vgl. „Kassel, im Juli”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 594-600 und 614ff., hier Sp. 615; C[arl] Koßmaly, „Ein Monat in Cassel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 15 (1841), S. 54ff. und 61ff., hier S. 54

[4] Charles Bayles Broadley hatte bei Spohr eine Vertonung einer eigenen Psalmenübersetzung in Auftrag gegeben (vgl. Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 210).

[5] Möglicherweise die von Koßmaly beschriebene Soirée (ebd., S. 62).

[6] Vgl. Marianne Spohr, Tagebuch auf der Reise in die Schweiz im Sommer 1841, Ms., Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 2.1.10.

[7] Sigismund Neukomms Christus Himmelfahrt nach Klopstocks Messias. Zum Programm des Musikfestes vgl. „Musikfest der schweizerischen Musikgesellschaft in Luzern“, in: Allgemeine Musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 637ff.

[8] Vgl. Kommentar zum Folgebrief.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.04.2015).