Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.2 <18415019>

Breslau d. 19. Mai
1841

Hochgeehrtester Herr und Freund!

Es ist bereits ein halbes Jahr verflossen, seit wir uns das letzte Mal geschrieben haben. Wie geht es in Cassel, was gab es im Winter Musikalisches, haben Sie Ihr neues Oratorium am Charfreitage aufgeführt? Bei uns gab es wieder viel, Abonnements-Konzerte, Konzerte des Künstlervereines, Theater, wo wir in jedem dieser Institute uns vieler Kompositionen von Ihnen zu erfreuen hatten. Von fremden Künstlern war Thalberg und Möser mit seinem talentvollen Sohn hier. Thalberg machte große Sensation1, auch der junge Möser zeigte sich im Konzert- sowie Quartettspiel als tüchtiger, solider Künstler. Seine Intonation ist sehr rein, Auffassung und Vortrag für einen 15jährigen Knaben außerordentlich. Was meinen Sie zu den Historien von Dr. Schilling?2 Man hat ja diesem Manne fast seine ganze Ehre genommen! Unser neues Theater, ein schönes Gebäude, soll in diesem Jahre noch eröffnet werden, da sollten Sie doch zu uns kommen und eine Ihrer Opern dirigiren, das würde ein Jubel sein!
Was werden Sie denn in diesem Sommer vornehmen? Über die Zurechtweisung, die Hr. Schindler von Ihnen empfing3, haben wir uns sehr gefreut, die Arroganz dieses Menschen, die nur vom Ruhme Beethovens lebt, ist unerträglich. Wie ist die 9te Sinfonie von Beethoven bei Ihnen aufgenommen worden? Sie schrieben mir, daß Sie sie geben wollten. Unsere Aufführung dieses Werkes war in diesem Jahr weit weniger besucht, die Leute finden nun einmal kein Behagen daran, so sehr sich dies exaltirte Köpfe gern einreden möchten, jedoch ist nicht zu leugnen, daß die ersten 3 Sätze viel Schönes, wenn auch immer Abnormes enthalten.4 Erfreuen Sie mich doch recht bald mit einer Zuschrift. Schoen hat eine Violinschule hier errichtet, er bezweckt dadurch tüchtige Orchestergeiger heranzubilden.5
Weiter wüßte ich nichts zu melden.
Empfehlen Sie mich den lieben Ihrigen, so wie sonstigen Bekannten hochachtungsvoll.

Wie immer Ihr ergebener
Verehrer
Adolph Hesse

Inliegenden Brief bitte ich ganz ergebenst zur Post zu schicken, ich wollte Herrn Betzhold6 einen Theil des Portos durch diesen Einschluß ersparen.

Erwähnte Personen: Betzhold, Friedrich Wilhelm
Möser, August
Möser, Carl
Schilling, Gustav
Schindler, Anton
Schoen, Moritz
Thalberg, Sigismund
Erwähnte Kompositionen: Beethoven, Ludwig van : Sinfonien, op. 125
Erwähnte Orte: Breslau
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1841051931

http://bit.ly/1qbs2d1

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hesse, 24.10.1840. Spohr beantwortete diesen Brief am 09.06.1841.

[1] Vgl. E[rnst] K[öhler], „Uebersicht der sämmtlichen Musik-Aufführungen in Breslau für den Winter 1840/1841 bis ult. April”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 412f., 427ff. und 442ff., hier Sp. 442

[2] Es handelt sich um Plagiatsvorwürfe (vgl. „G. Schilling”, in: Neue Zeitschrift für Musik 8 (1841), S. 9ff., 13f., 17-26; ebd., S. 46; „Die Plagiate des Dr. Schilling in Stuttgart betreffend”, in: ebd., S. 86).

[3] Spohr wies in einem offenen Brief an den Beethoven-Biografen Anton Schindler, Kassel, 25.11.1840, Kritik Schindlers an seiner Interpretation von Beethovens 7. Sinfonie zurück (Louis Spohr, „Das Schreiben des Herrn Schindler“, in: Neue Zeitschrift für Musik 7 (1840), S. 180). Schindler hatte zuvor in einem Leserbrief an die Neue Zeitschrift für Musik Spohr vorgeworfen, falsche Tempi gewählt zu haben (vgl. Anton Schindler, „An die Redaction“, in: ebd., S. 146ff.).

[4] Zu einer gegenteiligen Einschätzung kommt: E[rnst] K[öhler], „Uebersicht der sämmtlichen Musik-Aufführungen in Breslau für den Winter 1840/1841, bis ult. April”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 412f., 427ff. und 442ff., hier Sp. 428f. 

[5] Vgl. „Violin-Schule (Breslauer) des Königl. Musikdir. Moritz Schön“, in: Schlesisches Tonkünstlerlexikon, Breslau 1846, S. 85-88.

[6] Friedrich Wilhelm Betzhold war Verleger mehrerer Orgelwerke Hesses, darunter auch des im vorigen Brief Hesses erwähnten Rheinisch-Westphälischen Choralbuchs.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.04.2015).