Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. hist. litt. 15[195
Druck: Peter Schmitz, „Ein rentables Geschäft? Zum Stellenwert von Oratorien in Verlagsprogrammen des 19. Jahrhunderts am Beispiel von Louis Spohr“, in: Die Oratorien Louis Spohrs. Kontext – Text – Musik, hrsg. v. Dominik Höink, Göttingen 2015, S. 131-150, hier S. 138 (teilweise)

Professor Taylor
3 Regent Square
London

d.G.
nebst einem Textbuche


Cassel den 13ten April
1841.

Geehrtester Freund,

Die Beantwortung ihres lieben Briefs vom 9ten Februar habe ich absichtlich bis, jezt verschoben,, um erst die Aufführung unsres Oratoriums1 vorher erlebt zu haben. Diese hat nun in voriger Woche am Charfreitage stattgefunden2 und die Theilnahme, die sie bey unserm musikalischen Publikum fand, hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Noch nie war die Kirche bey einer Oratoriumaufführung so gefüllt und noch nie zeigte sich bey der großen Masse eine solche Theilnahme am Inhalt des Buchs und ein solches Eingehen in die Intenzionen des Komponisten wie bey diesem Werk! Ich habe darüber eine große Freude gehabt! Nun ich nach dieser Aufführung mich überzeugt habe, daß die Partitur so bleiben wird, wie sie jezt vorliegt und nachdem in unsern Orchesterstimmen bey den Proben alle Fehler corrigrirt worden sind, werde ich nach diesen, Ihrem Auftrage gemäß, eine Abschrift für Sie besorgen lassen. Nur mögte ich, während daran geschrieben wird, von Ihnen erfahren, wie oft die Violin- Viola- und Baß-Stimmen douplirt werden sollen und wie viele Ripienostimmen (das heißt solche, die nur die Ouvertüre
und Chöre enthalten,) seyn sollen. Auch mögte ich wissen, ob Sie einer Abschrift der Partitur bedürfen, oder ob Sie Ihre Proben aus dem Clavierauszuge dirigiren wollen? Ich wundere mich sehr, daß Sie schon jezt mit dem Einüben der Chöre beginnen wollen, da eine Aufführung des Werks doch erst im Herbst 1842 stattfinden soll, noch mehr aber, daß Sie schon Orchesterproben halten wollen! Sie beabsichtigen doch nicht, Einzelnes daraus schon vor dem Norwicher Musikfest
zu geben? - Dieß Werk ist mehr wie irgend eines meiner Andern aus einem Gusse und es darf daher dem Publiko nur vollständig vorgeführt werden.
Meine Auslagen werde ich Ihnen berechnen, wenn die Orchesterstimmen fertig sind, und dann durch einen Wechsel auf zie beziehen, so wie Sie es angeben.
Die Partitur des Samson nebst unsern herzlichsten Grüßen wird Ihnen Herr David3 überbracht haben. Entschuldigen Sie gütigst, daß ich nicht auch schrieb; er blieb aber dazu zu kurze Zeit hier.
Von mir, meiner Frau und allen Ihren hiesigen Bekannten die herzlichsten Grüße an Sie und die lieben Ihrigen.
Erfreuen Sie uns recht bald wieder durch Nachrichten von Ihrem und der Ihrigen Wohlbefinden.
Mit wahrer Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr

NS. Ich gebe Herrn Horsley, der diesen Brief mitnimmt, auch ein Textbuch des Oratoriums für Sie mit.

Erwähnte Personen: David, Ferdinand
Horsley, Charles
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hoftheater <Kassel>
Liedertafel <Kassel>
Norfolk and Norwich Triennial Festival
Singakademie <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1841041304

http://bit.ly/2ExpiBy

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Taylor an Spohr, 09.02.1841. Taylor beantwortete diesen Brief am 23.04.1841.

[1] Der Fall Babylons.

[2] Vgl. „Kassel, im Juli 1841“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 594-600 und 614ff., hier Sp. 615.

[3] Zu Ferdinand Davids London-Reise im Frühjahr 1841 vgl. Julius Eckardt, Ferdinand David und die Familie Mendelssohn-Bartholdy. Aus hinterlassenen Briefschaften zusammengestellt, Leipzig 1888, S. 122; James Robert Sterndale Bennett, The life of William Sterndale Bennett, Cambridge 1907, S. 113.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (19.12.2018).