Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms.hist.litt.15[161
Beleg: Goetheautographen, Goethe in den Briefen seiner Zeitgenossen, Briefe aus dem Weimarer Kreis, Briefe deutscher Dichter und Schriftsteller, Musikerautographen aus dem Nachlaß Friedrich Schneiders in Dessau († 1853) und anderem Besitz. Versteigerung 19. Mai 1913 (= Katalog Henrici 15), Berlin 1913, S. 61

Sr. Wohlgeb.
dem Herrn Hofkapellmeister
Dr. Schneider
in
Dessau.

Nebst einem Paquet Musikalien in Leinen
gez: I.A.B.


Cassel den 18ten
Febr. 1841.

Hochgeehrtester Freund,

Beykommend übersende ich Ihnen die 10 Ouverturen, die der Copenhagener Musikverein mir zur Beurtheilung für seine Preisaufgabe zugeschickt hat. Die 3 besten Nummern sind meiner Ansicht nach 5, 8 und 10. Auf eine von diesen wird höchst warscheinlich auch Ihre Wahl fallen. Da aber Mendelssohn als Preisrichter zurückgetreten ist und wir beyden nun die Sache1 allein zu entscheiden haben; da folglich, wenn unsere Wahl nicht auf dieselbe Nummer fällt, keine Majorität für irgend eine stattfinden kann und der Verein genöthigt seyn würde, neue Preisrichter zu wählen, was er nicht gern zu wollen scheint, so wird es nöthig seyn, daß wir uns über die Wahl verständigen. Ich habe einigermaßen zwischen Nro 8 „Ein Traum aus der Feenwelt“2 und Nro 10 „Nachklänge von Ossian“3 geschwankt, mich zuletzt aber doch für die letztere entschieden. Beyde Werke haben mich sehr interressirt und angezogen; bey öfftern Durchlesen schien mir aber doch Nro 8 ein wenig monoton und eines Gegensatzes entbehrend, Nro 10 dagegen in Form und Erfindung sehr abgerundet und sicher von einem erfahrnen Meister herrührend.
Sollte nun Ihre Wahl ebenfals auf Nro 10 fallen, so bedürfte es weiter keiner Benachrichtigung von Ihrer Seite, und ich würde in diesem Falle in etwa 14 Tagen das Resultat meiner Wahl4 nach Copenhagen melden. Sollten Sie aber Nro 8 vorziehen, so würde ich mich gern Ihrem Urtheile fügen und mich dieser Wahl anschließen. Dann erbitte ich mir vor Ablauf der 14 Tage Nachricht darüber.
Unser armer Secretair5 ist auf arge Weise in der Leipz. M. Zeitung an den Pranger gestellt.6 Er hat in einer Beylage zu den Jahrbüchern, die Sie vieleicht noch nicht erhalten haben, in einer so heftigen und alles Maaß überschreitenden Art geantwortet, daß er die Sache dadurch nur noch verschlimmern wird.7 Die Vertheidigung ist überdieß auch ungeschickt. Er mag übrigens die Strafe für seine gewissenlose Büchermacherey nur ruhig hinnehmen, denn verdient hat er sie.
Da übrigens seine schriftstellerischen Sünden mit unserm Verein und seinem Secretairiat nichts gemein haben, so habe ich mich, besonders auf den Wunsch d[es] Protectors8, bewegen lassen, die Präsidentschaft noch einmal auf ein Jahr zu übernehmen9; ich läugne aber nicht, daß ich dem Verein einen geistreicheren und bey der Musikalischen Welt in größerem Ansehen stehenden Secretair wünschte.
Mit herzlicher Freundschaft stets ganz

der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Schilling, Gustav
Erwähnte Kompositionen: Gade, Niels : Nachklänge aus Ossian
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Deutscher Nationalverein für Musik und ihre Wisenschaft <Stuttgart>
Musikforeningen (Musikverein) <Kopenhagen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1841021812

http://bit.ly/2h2ahyh

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schneider, 16.02.1840. Schneider beantwortete diesen Brief am 28.02.1841.

[1] Hier gestrichen: „zu“.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Eine Rezension hält fest, dass sowohl Spohr als auch Schneider dieser Komposition den ersten Preis zuerkannten (Rez. „Nachklänge von Ossian. Ouverture für Orchester von N.W. Gade“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 975f.).

[4] Hier gestrichen: „melden“.

[5] Spohr war Präsident des Deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaften, dessen Sekretär Gustav Schilling war.

[6] Es handelt sich um Plagiatsvorwürfe (vgl. „G. Schilling”, in: Neue Zeitschrift für Musik 8 (1841), S. 9ff., 13f., 17-26; siehe auch Franz Heinrich Köhler, „Warnung“, in: ebd., S. 46).

[7] Diese Beilage zu Jahrbücher des deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaften, 3 (1841), in der Schillings Verteidigung diesem Brief zufolge erschien, ist derzeit noch nicht ermittelt. Einer Replik auf diesen Artikel zufolge, handelte es sich um einen Text mit dem Titel „Die neue Zeitschrift für Musik und ich“ (vgl. [Robert Schumann], „Die Plagiate des Dr. Schilling in Stuttgart betreffend”, in: Neue Zeitschrift für Musik 8 (1841), S. 86).

[8] Fürst Konstantin von Hohenzollern-Hechingen.

[9] Vgl. „Officielle Bekanntmachungen“, in: Jahrbücher des deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaften, 3 (1841), S. 41.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Wolfram Boder (01.11.2017).