Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgeb.
dem Doctor und Kapellmeister
Herrn L. Spohr
in
Cassel.


Prag den 24 Januar 18401

Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Durch Ihre so baldige Antwort und die gütigen Gesinnungen die Sie in derselben für mich ausdrücken, fühle ich mich verpflichtet, Ihnen meinen innigsten Dank zu sagen womit ich zugleich die aufreichtigsten Wünsche für Ihr vollkommenstes Wohlergehen in dem neuen Jahre verbinde. Möge der gütige Schöpfer für Ihr thätiges Wirken zum Wohle der Nachwelt sorgen und Ihre herrlichen Erzeugnisse in Ihnen durch die vollkommenste Gesundheit belohnen, damit Sie noch recht lange und recht viel zum Besten der Kunst schaffen! – Ich freue mich ungemein das neue Oratorium2 kennen zu lernen, da Sie es doch wohl recht bald veröffentlichen werden. Am 2ten Weihnachtsfeiertag hatten wir ein Concert worin Hummels Septett den Anfang machte. Das Concert wurde von einer Schülerin3 des Instituts gegeben. Sie hatte die Piano-Parthie und trug noch 2 Nummern von Herz vor. Am 6ten fand ein Instituts-Concert statt, wobei das Sept. wiederholt wurde, eine Piece für 2 Flöten, eine für Cello, ein Lied mit Cello, und Ihr Potpourri aus B welchen ich mit Qartett spielte füllten das Concert noch aus. Ich muß jedoch offen gestehen, daß ich noch nie so schlecht spielte, wozu jedoch ein Verdruß kurz vor dem Concerte mit beigetragen haben mag, denn ich habe solches Malheur noch nie öffentlich gehabt, doch werde ich es nächstens wieder gut machen. Der Herr Direktor4 gab das Concert zu seinem Vergnügen, das heißt: weil er weiß daß Niemand kömmt, so glaubt er es in Schwung zu bringen wenn er immer darauf los concertirt, so gab er also über 80 Freikarten aus und an der Casse kamen 5 fl. ein! - Man erwartete Ole Bull hier, er soll jedoch nach Petersburg sein. In den Fasten werden wir wahrscheinlich einige Concerte geben, wo wir Mozarts G moll und C dur Symphonie machen werden. Der Direktor macht sich oft sehr lächerlich durch seine Direktion bei Concerten, so tactirte er auch das Septett und jede Kleinigkeit die nirgends dirigirt wird, muß er mit dem Stock am Pulte leiten. Als ich Ihren Brief erhielt fragte er ganz ängstlich, was Sie mir geschrieben hätten. Das Fräulein5 verfolgt mich wohl noch mit ihrer Liebe, die sich fast immer deutlicher erklärt, jedoch mir wird die Sache etwas spaßhaft jetzt und so geht es vorüber ohne daß ich mich weiter darum bekümmere. Der Theaterdirector Stoeger hat noch ein zweites Theater gebaut, wo er zugleich sein Personal wohnen lassen will und auch italienische Oper zu geben gedenkt. Was mich unendlich freut ist das, wie Sie dem Schindler sein Theil gegeben haben.6 Ich begreife nicht, geehrtester Herr Kapellmeister, wie sich ein Mensch von solcher Unbedeutenheit gegen Sie das herausnehmen kann7, da er sich auch ohne Ihre Erklärung bei jedem vernünftigen Menschen plamirte. Es wird ihn übrigens eine gute Lection sein, denn es ist selten der Fall, daß die unverschämten Critiker vom rechten Ende aus bedauert werden. Indem ich mich Ihrem gütigen Wohlwollen bestens empfehle bleibe ich

Ihr
dankbarer Schüler
W. Happ



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Happ. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Happ an Spohr, 13.04.1841.

[1] recte: „1841“! Offensichtlich ein typischer Schreibfehler zu Jahresbeginn. Das korrekte Datum folgt aus dem zu Beginn erwähnten Konzert sowie der am Ende erwähnten Auseinandersetzung zwischen Spohr und Anton Schindler.

[2] Der Fall Babylons.

[3] Zum Konzert von Emilie Wastel vgl. „Prag, Januar“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 43-46 und 67f., hier Sp. 67.

[4] Carl Joseph Kinderfreund.

[5] Kinderfreunds Nichte (vgl. Happ an Spohr, 24.11.1840).

[6] Louis Spohr, „Das Schreiben des Hrn. Schindler“, in: Neue Zeitschrift für Musik 13 (1840), S. 180; vgl. Spohr an Robert Schumann, 25.11.1840.

[7] Anton Schindler, „An die Redaction“, in: Neue Zeitschrift für Musik 13 (1840), S. 146ff., hier S. 14f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.01.2022).