Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 2° Ms. mus. 1500[Sp. 75,41

Cassel den 5ten
Januar 1841.

Hocbgeehrtester Herr Notar,

Ihr lieber Brief war uns ein erfreuliches Neujahrsgeschenk, da er uns Ihres fortdauernd freundlichen Andenkens versichert. Auch wir gedenken täglich der vielen, in Ihrem Hause verlebten vergnügten Stunden mit dankbarer Erinnerung.
Hinsichtlich Ihrer Anfrage wundere ich mich zunächst, daß Sie unter den Bewerbern für Ihre Musikdirector Stelle1 den, Ihnen und Herrn van Houten dringend von mir empfohlenen Herrn Wolf, Musikdirector in Arnsberg nicht mit aufgeführt haben, da er unter den, mir bekannt gewordenen Candidaten wohl noch immer der passendste seyn mögte. Er spielt gut Clavier, weiß einen Gasangverein zu leiten, ist, obwohl kein ausgezeichneter Concert-Geiger, doch unter den 3 Bewerbern, die meine Schüler sind, wohl der beste Geiger und besitzt eine sehr schöne Tenorstimme. Ob er fähig ist die Oper mit Erfolg zu leiten, weiß ich nicht im Voraus, da er sich darin, so viel mir bekannt, noch nicht versucht hat. Hierin mögte ihn Herr Reiter wohl übertreffen, der mehrere Jahre in Freiburg und Straßburg Musikdirector beym Theater war. Ich fürchte aber, daß Reiter zu wenig Clavierspieler ist, um die Singübungen accompaniren zu können. Wenigstens zur Zeit seines Hierseyns spielte er noch fast gar nicht. Attern ist ein sehr fleißiger, gut gebildeter Musiker, der sich aber bey seinem stillen Wesen und Mangel an Energie und Gewandheit wohl kaum für die Stelle eignen mögte. Veit in Prag ist mir persönlich nicht bekannt; er besitzt aber ein ausgezeichnetes Kompositionstalent und mögte in diesem Punkt wohl der vorzüglichste der Bewerber seyn. Müllers Bewerbung um die Stelle halte ich nicht für Ernst. Er wird den Ruf nach Aachen zur Steigerung seiner Engagementsverhältnisse in Braunschweig benutzen wollen. Herrn Ignatz Lachner kenne ich auch nicht persönlich. Ist es aber der Musikdirector in Mannheim, so hat er als Director einen guten Ruf. -
Da es unmöglich ist, die Eigenschaften und Fähigkeiten der Bewerber im Voraus genau kennen zu lernen, so wäre es am Besten, wenn Sie einen auf ein Jahr zur Probe nähmen, bevor Sie definitiv mit ihm abschließen.
Mit Herrn Schindler habe ich mich nur höchst ungern eingelassen. Ich hätte seine hämischen Bemerkungen gar nicht beachtet, wenn er nicht die Unverschämtheit gehabt hätte, mir ein ganz falsches Tempo des 2ten Satzes der Beethovenschen Sinfonie2 anzudichten.3 Dies mußte berichtigt werden.4
Für ihn und mich will ich wünschen, daß er es nun beruhen läßt. Mir wäre es um die Zeit leid, die ich einem solchen Streit widmen müßte und er würde ein zweites Mal nicht so glimpflich wegkommen. Herr Professor Bischoff in Wesel hat mir ein Spottgedicht auf Schindler „Das Wunder in Achen” mitgetheilt, das meinem Streite mit ihm wohl seine Entstehung verdankt! Vieleicht ist es aber auch schon von früherm Datum nach dem Düsseldorfer Musikfeste, wo er die Tempi der 9ten Sinfonie5 , wie sie Mendelssohn genommen hatte, ebenfals mißbilligend kritisirte und mit Doctor Becher und Herrn Bischoff in literarische Fehde gerieth.6 Da ich nicht so glücklich war wie Mendelssohn, daß sich andere meiner angenommen und meine Sache verfochten hätten, so mußte ich selbst in die Schranken treten.
Meine Frau und ich empfehlen uns den lieben Ihrigen angelegentlichst.
Mit wahrer Hochachtung und Freundschaft ganz

der Ihrige
Louis Spohr

Um gefällige Besorgung der Einlage bittet meine Frau.



Dieser Brief ist offensichtlich die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief des nicht namentlich genannten Empfängers an Spohr. Der Kontext des Briefs lässt schließen, dass der Brief nach Aachen gerichtet ist: Dort wurde zu diesem Zeitpunkt der Posten des Musikdirektors neu besetzt, den zunächst der im Brief genannte Wenzel Heinrich Veit übernahm; van Houten gehörte zu den Aachener Honoratioren und Spohrs Auseinandersetzung mit Schindler bezog sich auf das Aachener Musikfest im Vorjahr. Aus der Anrede „Herr Notar” und der Erwähnung der im Haus verbrachten Stunden folgt, dass der Aachener Notar Johann Peter Pascal der Empfänger ist, bei dem das Ehepaar Spohr während des Aachener Musikfests logierte (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 03.06.1840; Louis Spohr, Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 248).

[1] Die Stelle erhielt zunächst der im Folgenden noch erwähnte Veit (vgl. „Aachen, in: Allgemeine musikalische Zeitung 43 (1841), Sp. 658f.), der die Stelle jedoch in seiner Probezeit wieder verließ (vgl. „Aachen, den 7. Oktober 1841”, in: ebd., Sp. 876f.; „Prag im September”, in: Neue Zeitschrift für Musik 15 (1841), S. 128)

[2] Op. 92.

[3] Vgl. A[nton] Schindler, „An die Redaction”, in: Neue Zeitschrift für Musik 13 (1840), S. 146ff.

[4] Vgl. Louis Spohr, „Das Schreiben des Herrn Schindler”, in: ebd., S. 180.

[5] Op. 125.

[6] Die Kölnische Zeitung liegt noch nicht digital vor. Hier zusammenfassend „(111)”, in: Neue Zeitschrift für Musik 4 (1836), S. 218; „Krieg”, in: Neue Zeitschrift für Musik 5 (1836), S. 46.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.05.2016).