Autograf: Biblioteka Jagiellońska Kraków (PL-Kj), Sign. Korrespondencja Schumanna, Bd. 11, Nr. 1732
Druck 1: Renate Federhofer-Königs, „Anton Schindler aus der Sicht seiner Zuschriften an Robert Schumann“, in: Neues Musikwissenschaftliches Jahrbuch 7 (1998), S. 99-159, hier S. 131ff.
Druck 2: Julia M. Nauhaus, Musikalische Welten. Clara und Robert Schumanns Verbindungen zu Braunschweig, Sinzig 2010, S. 149ff.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Dr. R. Schumann
Redacteur der neuen
Zeitschrift für Musik
in
Leipzig.

franco.


Cassel den 25sten
November 40.

Ew. Wohlgeb.

ersuche ich um gefällige Aufnahme der beyliegenden Erwiederung in eine der nächsten Nummern Ihrer Zeitschrift und habe die Ehr[e] mit vorzüglicher Hochachtung [zu] unterzeichnen

Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Louis Spohr.


Das Schreiben des Herrn Schindler
in Nro 37 dieser Blätter veranlaßt mich, seines Tons und einer Unwahrheit wegen, die es enthält, zu folgender Erwiederung:
Daß Herr Schindler sich über die Tempi der a dur Sympphonie von Beethoven, wie ich sie bey dem Musikfeste in Aachen nahm, mißbilligend äußerte, hätte ich unbeachtet gelassen, wäre es nicht in unbescheidenen und mich verletztenden Ausdrücken geschehen. Diese mußte ich ihm verweisen. Bevor ich jedoch noch meinen Brief absenden konnte, kam er selbst zu mir und gab mir Gelegenheit die Sache mündlich abzumachen. Ich bemerkte ihm, daß er in seinen Äußerungen um so vorsichtiger hätte seyn sollen1, da ihm nicht unbekannt sey, daß ich bey den ersten Aufführungen dieser Symphonie und 4-5 Proben zu derselben unter Beethovens eigener Leitung mitgewirkt habe und deshalb in dieser Angelegenheit wohl so gut eine Autorität sey, wie er oder irgend ein anderer. Auf seine Versicherung, daß Beethoven in späteren Jahren die Tempi anders gewollt habe, erwiederte ich ihm ohngefähr das, was in seinem Schreiben angeführt ist3, setzte aber noch hinzu, daß Beethoven, der wegen seiner langjährigen Taubheit leider seine Werke nicht wieder hören konnte, ja viele derselben niemals gehört hat, wohl weniger wie jeder andere Komponist berechtigt gewesen sey, über die Tempi derselben in spätern Jahren anders zu bestimmen, als es bey der ersten Conception geschehen sey.
Wenn Hr. Schindler in seinem Schreiben aber dann behauptet, ich hätte das Tempo des 2ten Satzes = 94, nach Mälzl‘s Metronom genommen und seyn immer schneller und schneller geworden, so ist dieß eine offenbare Unwahrheit;3 ich nahm es, wie es damals in Wien genommen wurde und wie ich es seit der Zeit bey oftmaliger Direction dieser Symphonie stets genommen habe, nämllich ohngefähr = 72, und daß ich ein Tempo bis zu Ende festzuhalten verstehe, wird man einem Director in meinem Alter, der seit länger als 30 Jahren Orchester aller Art dirigirt hat, wohl zutrauen.
Sagt dann ferner Herr Schindler, daß der gespendete Beyfall für die Richtigkeit der Tempi nichts beweise, „weil die Werke Beethovens, selbst bey nicht vollkommener Auffassung nicht zu Grunde zu richten sind u.s.w.“, so ist das wieder in dem anmaßenden, unbescheidenen Tone gesprochen, der ihm schon oft Streit und wohlverdiente Zurechtweiseung zugezogen hat und der einem Manne von so geringer musikalischer Autorität besonders schlecht ansteht.

Louis Spohr.

Cassel den 25sten
November 1840.4

Erwähnte Personen: Beethoven, Ludwig van
Schindler, Anton
Erwähnte Kompositionen: Beethoven, Ludwig van : Sinfonien, op. 92
Erwähnte Orte: Aachen
Wien
Erwähnte Institutionen: Musikfest <Aachen>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840112511

http://bit.ly/2QdA4Qg

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schumann, 20.02.1838. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schumann an Spohr, 23.11.1842.

[1] „sollen“ über der Zeile eingefügt.

[2] Vgl. Anton Schindler, „An die Redaction“, in: Neue Zeitschrift für Musik 13 (1840), S. 146ff., hier S. 146f.

[3] Vgl. ebd., S. 147.

[4] Gedruckt in: Neue Zeitschrift für Musik 13 (1840), S. 180.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.11.2018).