Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. hist. litt. 15[195

Professor Taylor
London


Cassel den 1sten
October 1840

Hochgeehrter Freund,

Endlich habe ich aus Wien eine Antwort1 erhalten. Herr von Mosel hat seine Partitur des Samson an einen dortigen Musikhändler2 verkauft. Dieser verlangt für eine Abschrift 5 fl Convertionsmünze. (Ohngefähr 6 Pfund nach lhrem Gelde.) Haben Sie die Güte mir nun gefalligst zu melden, ob Sie so viel Geld anzuwenden Lust haben. In diesem Falle werde ich Ihnen binnen 5 - 6 Wochen die Abschrift zusenden können. Dann kann ich auch eine Abschrift des 2ten Theils des neuen Oratoriums3 beylegen, welchen ich bis auf die letzten beyden Nummern vollendet habe. Wir haben das, was fertig ist, bereits einige Male im Gesangverein4 gesungen und meine Frau behauptet, dieser 2te Theil sey besser wie der erste. - Er wird aber nicht ganz so lang werden wie jener, der mit Ouverture 1¼ Stunde dauern wird, sondern nur etwas uber ¾ Stunden dauern. Für Deutschland ist zwar 2 Stunden Musik mit einer Zwischenpause von einer halben Stunde lang genug; in England wird aber so lange, bis auch dort ein besserer Geschmack in dieser Hinsicht Wurzel fassen wird, etwas dazu gegeben werden müssen.
Ich bedauere sehr, daß Sie mit der Rückübersetzung und Unterlegung des Textes so viele Arbeit haben, zweifle aber keinen Augenblick, daß Sie damit zu Ihrer Zutriedenheit zu Stande kommen werden. Ihrem Bruder Dichter5 habe ich Ihren Auftrag ausgerichtet. Er meint gleichfals, Sie würden sich schon zu helfen und alle Schwierigkeiten zu überwinden wissen.
Für Ihre Mühewaltung nach meinem letzten Briefe, den herzlichsten Dank! Ich kann nicht recht begreifen, warum das Comitée in Hull, nachdem es bereits von Ihnen die Partitur und Begleitstimmen des Oratoriums „des Heilands letzte Stunden“ erhalten hatte, sich nochmals deshalb an einen Hamburger Musikhändler6 gewandt hat. Doch dem sey, wie ihm wolle, das verdrießlichste bleibt immer, wenn das Werk zerstückelt und schlecht gegeben wird! Ich bitte daher Ihren Vorsatz auszuführen und die Partitur nur dann wieder zu verborgen, wenn man sich anheischig macht das Ganze zu geben und mit Sorgfalt einzuüben.
Ihr Spott über unsere Waschtröge, den Ihr liebenswürdiger Secretair7 aus Patriotismus nur ungern übersetzt hat, mag nicht ganz ungegründet seyn. Wir stehen in materiellen Dingen den Engländern oft noch nach, suchen es aber durch körperliche und geistige Geschicklichkeiten auszugleichen; hier z.B. durch unsere Schwimmkunst, die von der jetzigen Generation allgemein geübt wird. So hätte ich mir, wenn wirklich Gefahr vorhanden gewesen wäre, wohl getraut, meine beyden Begleiterinnen durch meine Schwimmkunst aus dem Wasser zu retten!8
Ihre hiesigen Freunde und Bekannten erwiedern Ihre Grüße auf das herzlichste.
Mit inniger Freundschaft ganz der Ihrige
Louis Spohr

NS. Meine Frau studiert jezt mit großem Eifer Miltons verlorenes Paradies. Da ich sie immer über die Schönheiten des Werks in Entzücken sehe, so muß ihre Sprachkenntnis doch wohl zum Verständnis hinreichend seyn!

Erwähnte Personen: Milton, John
Mosel, Ignaz Franz von
Niemeyer, Georg Wilhelm
Oetker, Friedrich
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Samson
Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Musikfeste <Hull>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840100104

http://bit.ly/2EyF4wa

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Taylor an Spohr, 15.09.1840. Taylor beantwortete diesen Brief am 10.11.1840.

[1] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] Der Fall Babylons.

[4] Cäcilienverein.

[5] Friedrich Oetker übersetzte Taylors Vorlage ins Deutsche, damit Spohr verstand, was er komponierte. Da er dabei stark in die Metrik eingriff, war anschließend die Rückübersetzung ins Englische notwendig.

[6] Georg Wilhelm Niemeyer (vgl. Spohr an Taylor, 30.08.1840).

[7] Edward Taylor ließ zu dieser Zeit seine Briefe an Spohr durch seine spätere Schwiegertochter Meta geb. Dochow ins Deutsche übersetzen (vgl. Taylor an Spohr, 03.11.1840).

[8] Vgl. Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 252.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.12.2018).