Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrtester Herr!
Hochzuverehrender Herr Kapellmeister!

Indem ich es wage Ihnen, sehr verehrter Herr Kapellmeister! den Ueberbringer dieser Zeilen, Herrn Haußmann, welchem das Glück zu Theil wurde, an dem dortigen Hoftheater, welches Ihrer so würdigen und ausgezeichneten musikalischen Leitung anvertraut ist, als Sänger angestellt zu werden, dringend, und Ihre liebevolle und natürliche Fürsorge durch Rath und That im Voraus, von Ihrer Menschenfreundlichekeit und anerkannter Güte überzeugt, für den jungen Mann in Anspruch nehmend, hierdurch empfehle, so hoffe ich auch Ihrer Vergebung gewiß zu seyn, und keine Fehlbitte zu thun. Herr Haußmann liebt seine Kunst mit einem eifrigen Bestreben, sich fort und fort auszubilden, und dem Wink und Rath Kunsterfahrener gründlich gebildeter und wohlwollender Männer thätig zu benützen. Wem könnte ich denselben, besser und angelegentlicher empfehlen, als Ihnen verehrtester Meister? Gewiß! Sie werden sich seiner annehmen, und dürften seiner innigsten Dankbarkeit, so wie der meinigen sich verehrter Mann! versichert halten! Haußmann ist ein stiller, guter und durchweg moralisch gesitteter Mensch, der wenig Worte macht, aber in Wahrheit rein fühlt, gern vorwärts strebt, dennoch aber kein Prätensionen1 und hohe Ansprüche zu machen gewöhnt ist. Bei einer Prüfung mit ihm, um welche er Sie geehrtester Herr Kapellmeister! freundlichst und dringend bitten wird, werden Sie am besten selbst finden, was ihm fehlt, und wie manches er noch zu lernen hat. Leider! konnte ich ihn nur auf zu kurze Zeit meinen Schüler nennen, um ihn noch seinem und meinem Wunsche weiter zu bringen.
Mit lebhafter Freude und von dem angenehmsten Erinnerungen begleitet, steht mir fortwährend jene schöne Zeit vor Augen, wo es mir vergönnt war, nicht nur mich Ihrer persönlichen Bekanntschaft und Ihres mir so theuren und werthen Umgangs zu erfreuen, sondern auch Sie als Ausübenden grosssen Künstler innig in ihren zweyfachen2 Hauptschöpfungen zu bewundern. Leider! war es im Jahr 1819 in Dresden bei Carl Maria von Weber das letzte Mal, wo mir diese Kunstgenüsse zu Theil wurden. Meine Verehrung für Sie, den hohen Meister wird mir erhalten; und wird gar oft aaufs neu in mir erregt und lebendig, wenn ich in meinem Hause bei meinem Sohn, welcher Violinspieler und Mitglied der Hofkapelle und ein Schüler Molique‘s, und nach dessen Ausspruch ein wohlgearteter braver Künstler ist, der Reihe nach fast meist Quartettcomposizionen Ihro Meisterhand höre und wieder höre. Meines Sohnes feurigster Wunsch sprach sich öfter in den Worten aus: „Hätt‘ ich nur ein Mal im Leben den herrlichen Spohr hören können. Persönlich werd‘ ich ihn doch vielleicht noch kennen lernen, um ihm meine tiefe Hochachtung versichern zu können!“
Mit dem herzlichsten gefühlten Wünschen für Ihr langes, daurndes Wohl, und das der geliebten Ihrigen, verbleibe ich mit der herzlichen Bitte um die Fortdauer Ihres mir so unschätzbaren Wohlwollens.
Hochachtungsvoll

Ihr ganz ergebenster
Wilhelm Häser.

Stuttgart
am 26sten Sept.
1840.

Erwähnte Personen: Häser, Karl
Hausmann, Jakob
Weber, Carl Maria von
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Dresden
Wien
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840092644

http://bit.ly/2qiCW5C

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 03.11.1840.

[1] Prätension = Anspruch, Anforderung, Anspruch (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörtebuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 370).

[2] Möglicherweise gemeint als Komponist und Geiger.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.05.2017).