Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Taylor, E.:16

Sr. Wohlgeboren
dem Herrn Doctor Spohr
Cassel
Hesse-Cassel


3 Regent Square
Sept. 15. 1840

Mein geehrter Freund,

Ich erhielt Ihr willkommenes Schreiben vom 30. August – jedoch ehe ich zur Beantwortung desselben schreite, erlauben Sie mir, Ihnen herzlich zu Ihrer glücklichen Rettung zu gratuliren. Sie selbst erwähnen es zwar nicht, allein Frau v. Malsburg übersandte uns einen Bericht Ihres Abenteuers in Lübeck.1 Jetzt, da die Gefahr vorüber ist, wird man uns einen Scherz verzeihen, und Sie werden mir erlauben, zu wiederholen, daß, wenn Ihr Deutsche anstatt Waschtröge wollte Böte erbauen, und lernen, diese zu fahren, solche Unfälle sich so leicht nicht ereignen würden. – (Der Secretair bittet für sich bemerken zu dürfen, daß bei Uebertragung dieser letzten Stelle sein patriotischer Sinn sich merklich dagegen sträubte, und daß er Mühe hat, sich zu erinnern, wie er sich nur als todte Maschine „zum Dienste des würdigen Professors engagirte.“) –
Einige Wochen vor dem Empfange Ihres Briefes, hatte die Musik-Comittée in Hull (nicht Liverpool, daselbst findet kein Fest statt) mich um die Begleitungen zu Ihrem Oratorium, des Heiland’s letzte Stunden“ gebeten, die ich auch dahin verlieh. Jetzt wünsche ich fast, es nicht gethan zu haben, denn ich finde, man wird nicht das ganze Oratorium aufführen, sondern – eine Auswahl aus demselben!2 Indessen, ich hatte mein Versprechen gegeben, und konnte es nicht zurücknehmen. Sie fragen mich, „wie ist es möglich, daß ein so schweres Werk in so kurzer Zeit könnte einstudirt werden?“ Ohne Zweifel ist es unmöglich. Sir George Smart ist der Direktor desselben, und er, der niemals Ihre Partitur gesehen hat, wird keinen Skrupel fühlen, Ihr Oratorium in Stücke zu zerschneiden und durch dasselbe sich seinen Weg zu bahnen, ob richtig oder nicht, gleichviel. Auf solche Weise verfährt man in England mit Ihren Compositionen. können Sie sich deshalb wundern, daß ich ängstlich und sehnlich wünsche, sie vollständig herausgegeben zu sehen, und sie wenigsten einmal so aufgeführt zu wissen, wie Sie sie schrieben. Sollten Sie es wünschen, so werde ich nie wieder einzelne Theile dieses Oratoriums verleihen, im Falle das Ganze nicht aufgeführt wird.
Ich zögerte mit der Antwort Ihres Schreibens, bis ich eine solche von der Comittée in Hull erhalten, an die ich einen Auszug aus Ihrem Briefe, worin von der Partitur die Rede ist, übersandte. Die Antwort ins ganz einfach diese, „daß sie für jetzt den Ankauf der Partitur verweigern.” Jedoch es ist mehr wahrscheinlich, daß die erste Absicht der Comittee diese war, das ganze Oratorium aufzuführen, und daß sie später sich überreden ließ, eine Auswahl daraus zu nehmen, welche Auswahl sich auf sechs oder acht Stücke beschränken wird, unter allen am leichtesten aufzuführen u. zu dirigiren.
Lassen Sie uns jetzt zu einem angenehmeren Gegenstande als das Verstümmeln u. Zerhacken Ihrer herrlichen Compositionen giebt, übergehen. Ich freue mich3 von dem Forschreiten des neuen Oratoriums4 zu hören. Den größten Theil der Uebersetzung habe ich fertig – theilweise zu meiner Zufriedenheit, - theilweise nicht. Bitte, sagen Sie mir Ihrem Bruder Dichter5, daß er mir eine höchst schwierige Arbeit aufgegeben hat. Ich habe zuweilen mehrere Stunden damit zugebracht, nur zwei Zeilen zu schreiben, obwohl am Ende meine Beharrlichkeit siegen wird.
Es thut mir leid, Ihnen mit der Partitur von Samson so viele Mühe zu verursachen, und ich bitte, Sie wollen die Sache auf sich beruhen lassen. Hätte ich jene gehabt, mir würde ein großer Theil meiner Arbeit erspart worden sein, obwohl ich sie ohne die Partitur zu Stande bringen kann. Sollten Sie im Laufe der Zeit endlich von Wien eine Antwort erhalten, so werde ich sie stets freudig entgegen nehmen, und in dieser Hoffnung ein wenig mit der Beendigung meiner Partitur zögern. – Ich danke Ihnen ebenfalls für Ihre gütigen Nachforschungen in Lübeck. Der einzige Bericht über Dr. Bull’s Tod, den wir haben, lautet wie folgt: „Einig[e] sagen, er starb in Hamburg – Andre in Lübeck – jedoch das Jahr seines Todes ist nicht bekannt. Das Datum seiner letzten Composition, die nach England kam, war 30. Mai 1622.
Ich empfehle mich Madame Spohr, Frau v. Malsburg u. allen den liebenswürdigen u. gastfreundlichen Bekannten in Cassel aufs Herzlichste, u. bin, meine geehrter Freund,

stets ihr aufrichtiger
Edw. Taylor

Meine Tochter C.6 dankt freundlichst für Madame Spohr’s liebenswürdigen Brief. –

Erwähnte Personen: Bull, John
Malsburg, Caroline von der
Oetker, Friedrich
Smart, George
Taylor, Catharine
Erwähnte Kompositionen: Händel, Georg Friedrich : Samson
Spohr, Louis : Der Fall Babylons
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Hamburg
Lübeck
Erwähnte Institutionen: Musikfeste <Hull>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840091534

http://bit.ly/2EyVzs5

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Taylor, 30.08.1840. Spohr beantwortete diesen Brief am 01.10.1840.

[1] Vgl. Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 252.

[2] Zur in Hull aufgeführten Auswahl vgl. „Hull Festival“, in: Musical World 14 (1840), S. 244-248, hier S. 248.

[3] „mich” über der Zeile eingefügt.

[4] Der Fall Babylons.

[5] Friedrich Oetker übersetzte Taylors Vorlage ins Deutsche, damit Spohr verstand, was er komponierte. Da er dabei stark in die Metrik eingriff, war anschließend die Rückübersetzung ins Englische notwendig.

[6] Catherine Taylor.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (18.12.2018).