Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.6 <Berlijn 18400409>
Druck: Carl Böhm, Nachruf an den verstorbenen Componisten A.W. Berlijn, Amsterdam [1870], S. 9f. (teilweise)

Cassel den 9ten April
1840.

Wohlgeborner,
Hochgeehrter Herr,

Seit einiger Zeit mit Theater- und andern Arbeiten sehr überhäuft, ist es mir erst jetzt möglich geworden Ihre Kompositionen mit Aufmerksamkeit durchzusehen. Ich beeile mich nun, indem ich1 dieselben hiermit zurücksende Ihnen2 das Resultat dieser Duchsicht mitzutheilen. Zunächst habe ich mich über das unverkennbare Talent des Komponisten, seinen Fleiß und das Bestreben nach thematischer Durchführung gefreut. da dieß letztere aber nur wie zufälliger Schmuck, durch die Themen auf natürliche Art herbey gehört, seyn soll, so geschieht es gar leicht, daß wenn man ihr3 zu ängstlich und unaufhörlich nachstrebt, dadurch die Klarheit des Ganzen, die Form und eine natürliche dem Ohr faßliche Modulation gefährden wird. Dieß ist Ihnen in den meisten der, mir zur Ansicht mitgetheilten Kompositionen, geschehen. Es fehlt an einer übersichtlichen Form, an Ruhe (einfacher Gesang,) und an einer natürlichen, wohlklingenden Modulation. Auch ist die Stimmführung hin und wieder noch unbeholfen und an einigen Stellen selbst nicht harmonirenrein. Eine einfache natürliche vom Gefühl eingegebene Erfindung müßte daher Ihr nächste Bestreben seyn. Der Schmuck einer thematischen Durchführung würde sich dann schon von selbst finden. Es wäre sehr zu wünschen, daß Sie unter Aufsicht eines guten Meisters und gewandten Komponisten einige Arbeiten vollenden könnten, weil dieß am schnellsten zur Vermeidung der gerügten Mängel führen würde.
Schlüßlich Ihnen für das Vertrauen dankend, welches Sie mir durch Zusendung Ihrer Kompositionen bewiesen haben, unterzeichne ich hochachtungsvoll

Ew. Wohlgeb.
ergebener
Louis Spohr.

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Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840040914

http://bit.ly/2Gf30SU

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Berlijn an Spohr, 05.03.1840. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Berlijn an Spohr, 01.12.1840.
Der Druck setzt eine kurze Passage des Briefs von der 1. in die 3. Person Singular: „dass er sich über das unverkennbare Talent des Componisten, seinen Fleiss und sein Bestreben nach thematischer Durchführung freute.“ Anschließend ergänzt er den Inhalt: „Noch einige Winke hinzufügend, welche er ihm in seiner Carrière zu befolgen rieth, dankte er ihm schlieszlich für das Vertrauen, welches er ihm durch die Zusendung seiner Compositionen bewiesz“.]

[1] Hier gestrichen: „Ihren“.

[2] „Ihnen“ über der Zeile eingefügt.

[3] Hier ein Wort (drei Buchstaben?) gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.03.2018).