Autograf: Spohr Museum, Sign. Sp. ep. 1.1 <18400404>

Cassel den 4ten
April 40.

Mein lieber Freund,

Sie wissen was ich für ein geplagtes Thier bin und müssen es daher nicht gleich so tragisch nehmen, wenn ich ein mal etwas länger auf eine Antwort warten lasse. Diesen Winter war aber ganz und gar der Teufel los und nie bin ich so sehr von allen Seiten in Anspruch genommen worden. Ich führe nur weniges an. Zuerst habe ich eine Maße von Partituren durchsehen müssen. um den Preis für den besten Psalm zu erkennen1 Dann wurde ich von einer Gesellschaft in Braunschweig gequält, ihnen einen Chor zur Eröffnung des Schill‘schen Invalidenhauses zu komponiren und weil es Landsleute waren, konnte ich nicht gut abschlagen.2 Dann erhielt ich eine Einladung das Rheinische Musikfest in Aachen zu dirigiren und weil das dortige Comitée sich nicht wollte abweisen lassen, gab es Correspondenz mit Pontius und Pilatus, um die Erlaubnis des Prinzen dazu auszuwirken und wie dieser endlich abgereist war, fing die fast ganztägige Correspondenz mit Aachen selbst, über die Einrichtung des Musikfestes, an und dauert noch immer fort. Dazu kommt nun noch endlich meine jetzt ziemlich starke Correspondenz nach England und die laufende und nie abreißende Geschäftskorrespondenz – und nun können Sie sich denken, wieviel Zeit mir noch übrig blieb für mein Oratorium! Ich habe aber auch kaum den 1ten Theil vollendet und noch nicht einmal vollständig instrumentirt. Jetzt während der Messe und so kurz vor Ostern habe ich täglich lange Proben, oft sogar zwei. Am Charfreitag geben wir wieder „des Heilands letzte Stunden“ und damit diese Aufführung der Englischen nicht gar zu sehr nachsteht, gebe ich mir besondere Mühe mit dem Einüben.3 Für den 2ten Festtag habe ich noch die neue Oper „die Dreizehn“ von Halevy einzustudieren und leider wissen die Sänger noch nicht viel davon.4 Nach Ostern hoffe ich aber freier athmen zu können und dann soll es mit Eifer an den 2ten Theil des Orat. gehen.
Nach Aachen reise ich den letzten Mai ab und komme am 12 Juni zurück. Die Musikaufführungen sind am 1sten und 2ten Pfingsttag. Am 1st wird Judas Maccabaeus von Händel, am 2t die a dur Sinfonie von Beethoven, mein Vater-Unser und anderes, was noch nicht definitiv bestimmt ist, gegeben.5 Ende Juni erhalten wir Besuch von Herrn Tailor aus London und Anfang Juli reise ich mit meiner Frau nach Hamburg und Lübeck und zu meinen Eltern.6 Ende Juli muß ich wieder ins Joch.
Über den Erfolg meiner Historischen Sinfonie habe ich von unseren Correspondenten die günstigsten Berichte. Ich lege Ihnen 2 Berichte bey, die Sie interessiren werden ich muß sie aber bey ersten Gelegenheit zurückerbitten. Der eine ist von einem Engländer, der die Güte hat mir deutsch zu schreiben, obgleich er nur wenig von unserer Sprache weiß.7 Dieser ist schon durch seine komischen Sprachschnitzer höchst amüsant. Der andere Brief von Tailor ist von dessen Schwiegertochter, die eine Deutsche ist, übersetzt.8 – Die 5te Sinf. ist zur Eröffnung der Philharmonischen Concerte gegeben worden, die neue wird wahrscheinlich erst im letzten derselben zur Aufführung kommen.
Beyliegend übersende ich Ihnen das Manuscript eines Quartetts9 für Ihren Freund10, welches noch sehr wenig bekannt ist, da sich wegen der Schwierigkeit der ersten Stimme noch sehr wenig Geiger daran gewagt haben. Sie haben es wahrscheinlich auch noch nicht gehört, da ich es so viel ich mir erinnere, in Ihrer Gegenwart nie spielte, aus Besorgnis, es möge schlecht gehen.

Herzliche Grüße an Frl. Schubert, Köhler p.p
Mit wahrer Freundschaft wie immer
Ihr
Louis Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 28.03.1840. Hesses Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Es handelt sich um einen Kompositionswettbewerb des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft (vgl. „Erste Preisaufgabe des Vereins”, in: Jahrbücher des deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaften 1 (1839), S. 161f.; „Referat über den letzten Preisconcours”, in: ebd. 2 (1840), S. 89f.; „Preisconcour betreffend”, in: ebd., S. 137).

[2] Vgl. Das zur Ehre Ferdinand’s von Schill gestiftete Invalidenhaus vor Braunschweig. Seine Entstehung, seine Zierden und seine Einweihung, Braunschweig 1841, S. 48; „Braunschweig, 13. September”, in: Bayreuther Zeitung (1840), S. 926.

[3] Vgl. L., „Kassel, im Juli 1840”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 42 (1840), Sp. 597-603, hier Sp. 600.

[4] Vgl. ebd., Sp. 601f. 

[5] Vgl. Marianne Spohr, Tagebuch auf der Reise zum Musikfest in Aachen 1840.

[6] Vgl. Marianne Spohr, Tagebuch von der Reise nach Gandersheim, Lübeck, Hamburg, Braunschweig Juli 1840.

[7] Noch nicht ermittelt.

[8] Noch nicht ermittelt.

[9] Noch nicht ermittelt.

[10] Carl Räuscher, vgl. Hesse an Spohr, 28.02. und 28.03.1840.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.04.2015).