Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.2 <18400228>

Sr. Wohlgeborn
dem Herrn
Dr. Louis Spohr, kurfürstl.
Hof-Kapellmeister, Ritter etc.
in Cassel

franco


Breslau d. 28ten Februar
1840.

Theuerster Freund und Gönner!

Von Posttag zu Posttag hoffte ich auf eine Zuschrift von Ihnen, doch mögen Ihre Geschäfte und das neue Oratorium Ihre Zeit sehr in Anspruch nehmen. Meinen Brief, den ich Anfang Januar an Sie absendete haben Sie doch erhalten? Unser hiesiges Musiktreiben ist in diesem Winter ein sehr bewegtes, Konzert folgt auf Konzert. Von Ihren Kompositionen wurden gegeben die 2te und 4te Sinfonie, das Nonetto, das Doppelconcert in h moll, das 7te Konzert in e moll und nächsten 9ten März hören wir Ihre 5te Sinfonie, die vor 14 Tagen hier angelangt ist. Ihr spanisches Rondo habe ich mit Schön oft gespielt und immer mit vielem Beifall, wann kommt denn das Sonst und jetzt? man ist hier sehr begierig darauf. Neulich spielte ich auf meinem Grafschen Instrument Hummels h moll Konzert und zu meiner Freude sehr ruhig, so daß ich durch keine Befangenheit verhindert wurde, alles hineinzulegen was hinein gehört. Von fremden Künstlern war ein Herr Konzertmeister Nagel aus Stockholm (Violinspieler) hier.1 Er hat einen hübschen Ton, spielt auch rein, ist aber ein Charlatan, der das Publikum mit Paganinischen Flageolet- und Pizzikato-Späßen förmlich maltraitirt, und schlechtes Zeug vorträgt; er stellt Sachen von verschiedenen Komponisten (nur glücklicher Weise nichts von Ihnen, davor hat er Respekt) zusammen, und zieht, wie er sagt, aus Allem den Kern. Eine englische Klavierspielerin, Anna Robena Laidlaw gab auch 2 Konzerte und spielte recht nett.2 Von meiner Sinfonie habe ich vorgestern den 4händigen Klavierauszug nach Leipzig zum Stich befördert. Nun noch eine Bitte. Ein Herr Organist Räusche in Wismar, der alle meine Kompositionen besitzt, und einer Ihrer größten Anbeter ist, hat eine wahre Riesenarbeit unternommen. Er schenkte mir neulich: 30 Ihrer Quartetten, die ersten 3 Sinfonien, Ihre Potpourris, Duos, 1 Polonaise, Konzertinos etc. Alles eigenhändig aus den Stimmen in Partitur gesetzt und sauber geschrieben, schon früher schrieb er mir, er würde sich glücklich schätzen etwas von Ihrer Hand zu besitzen, können Sie vielleicht ein kleines Manuskript entbehren, so schicken Sie mir es gütigst unfrankirt zu, ich will es dann an Herrn Räusche befördern, er wird außer sich sein, vielleicht setzen Sie noch gütigst die Worte auf den Titel: „Herrn Organist Räusche vom Komponisten“, das macht ihn überglücklich. Dieser Mann ist noch jung, aber höchst gebildet und von anständiger Familie; daß mir diese Partituren schon manche genußreiche Stunde gewährten, können Sie wohl denken. Nun mein verehrter Freund leben Sie wohl, empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin, deren verehrten Eltern und Schwester, Fr. v. Malsburg, Fräulein Pauline Pfeiffer etc. etc.

Ich bin
wie immer
Ihr Verehrer
Adolph Hesse.

Köhler, Hinkel, Fräul. Schubert etc. empfehlen sich Ihnen ergebenst.

NS. In 14 Tagen wird Beethovens 9te Sinfonie hier gegeben, Glück zu!3
Von Ihrer 5ten Sinfonie habe ich mir die Partitur auch angeschafft und besitze nun alle 5 Sinfonien in Partitur, was mich sehr freut.



Dieser Brief folgt auf Hesse an Spohr, 03.01.1840. Der nächste Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 28.03.1840.

[1] Vgl. E[rnst] K[öhler], „Historische Uebersicht der sämmtlichen Musikaufführungen in Breslau für den Winter 1839-1840”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 42 (1840), Sp. 439ff. und 469f., hier Sp. 469; A[ugust] Kahlert], „Aus Breslau. Musikbericht über den Winter 1839/40”, in: Neue Zeitschrift für Musik 7 (1840), S. 147f., hier S. 147; D.B.f., „Aus Breslau, im März”, in: Zeitung für die elegante Welt 40 (1840), S. 211f., hier S. 212.

[2] Vgl. Köhler, ebd.; Kahlert, ebd., D.B.f., ebd.

[3] Vgl. Folgebrief.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.04.2015).