Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18400103>

Breslau d. 3ten Januar 1840.

Theuerster Freund und Gönner!

Sie werden mich für einen Unartigen halten, weil ich Ihnen bis setzt noch nicht geschrieben und meinen Dank für so viele genossene Wohlthaten abgestattet habe, allein ich wollte Ihnen über das Schicksal meiner Sinfonie, welches auch in Ihrer Hand lag, vollständig berichten; und das kann ich jetzt erst, da die Aufführung derselben in Berlin sich bis zum 28. Decemb. verzögert hat. Als ich am 21. Novemb. beim trübsten Wetter und in eben solcher Stimmung Kassel verließ, hatte ich ein paar böse Tage zu überstehen, die Fahrt ging bei den bösen Wegen und vielen Bergen sehr langsam von Statten; mir blieb dabei Zeit: die nächste Vergangenheit und die Gegenwart zu vergleichen, wo-bei die letztere nicht im Vortheil stand, doch erst am andern Morgen um 5 Uhr ging mein Leiden recht an, 5 ganze Meilen zwischen Quedlinburg und Egeln sind ohne Chaussée, die Schnellpost fuhr 7 Stunden darüber, und wenn wir unsere Rippen im Wagen nicht brechen wollten, mußten wir gehen, was auch geschah, wir kamen sehr spät nach Magdeburg, und ich hatte dort gerade noch so viel Zeit anstatt Mittag zu essen mich in eine Beichaise zu werfen und vollends nach Berlin zu fahren wo ich am Sonnab. früh d. 23sten ganz mürbe ankam. Hier hörte ich mancherlei: Müller aus Braunschweig, Klara Wieck, Prume (größtenteils uninteressant), Quartett- soiréen bei Möser und Zimmermann, Singakademie, Oper, nur nicht meine Sinfonie. Ich schrieb nach Leipzig, und sendete Ihren lieben Brief, der das Urtheil über meine Sinfonie enthielt, mit. Der wirkte Wunder, sogleich erhielt ich Antwort; ich möge nach Leipzig kommen und die Sinfonie im nächsten Konzert der Euterpe dirigiren. Nachdem ich in der Garnisonkirche zu Berlin noch einmal tüchtig georgelt hatte, reiste ich ab. In Leipzig kam man mir mit offenen Armen entgegen, Verhulst namentlich ist ein nobler Mensch und tüchtiger Künstler, genug daß ich es kurz mache: am 3ten Decemb. dirigirte ich dort meine Sinfonie in der Euterpe, sie ging ganz vortrefflich.1 Das Orchester ist zum größtentheil das des Gewandhauses, der neue Saal der Tuchhändlerbörse ist ein ganz prächtiges Lokal, über 600 Zuhörer waren gegenwärtig, und das Werk erhielt Beifall. Breitkopf und Härtel werden sie in Orchesterstimmen und 4händig stechen. In David lernte ich einen liebenswürdigen Menschen und großen Künstler kennen, er spielte mir außer seinen Sachen auch Ihr 7tes Konzert in e moll ganz vollendet vor, eben so trugen wir in einer Gesellschaft Ihr spanisches Rondo vor, was sehr gefiel. Mendelssohn war auch sehr artig gegen mich, doch wollte es zwischen uns zu keiner aufrichtigen Herzlichkeit kommen, unangenehme Erinnerungen wußten dies meinerseits verhindern.2 Am 5. Decemb. reiste ich ab und am 7ten ganz früh war ich wieder hier. Die Zeitungen hatten meine guten Erfolge schon berichtet. Am 28. Decemb. gab endlich Möser meine Sinfonie, doch scheint nicht alles so gewesen zu sein, wie ich es wünschte. Rellstab lobt sie zwar, meinte aber, der erste Satz (3/4) hätte den Charakter eines Scherzo, wahrscheinlich wurde das Tempo etwas zu rasch genommen, dann findet er auch Anklänge an Sie, Mozart und Beethoven. Wie ich zu Letzterem komme, weiß ich nicht, dann meinte er noch: Von den figurirten Sätzen des Finale hätte er bei meinen Kenntnissen mehr erwartet, hierin fürchtete ich eher zu viel gethan zu haben. Es ist immer schlimm, wenn ein Werk nach einmaligem Hören beurtheilt wird. Doch muß man sich nichts daraus machen und sich damit trösten, daß es ja den großen Meistern auch nicht anders ging. Mit Schön, der sich Ihnen bestens empfehlen läßt, habe ich neulich bei mir Ihr schönes spanisches Rondo gespielt, wir hatten es sehr genau eingeübt, und ich gab ihm, was den Vortrag anbelangt, die nöthigen Weisungen. Mein Conrad Grafssches Klavier machte sich sehr schön dabei. Sie würden sich gefreut haben, wie zart die 6tolen Figuren ansprachen, und wie ich die Crescendos und Fortes herausdrückte. Hier, bei meiner früheren Lebensweise und in den gewohnten Verhältnissen spielte ich wieder ganz ruhig und meine Hand ist wieder sicher, was ich in Kassel ganz vermißte, und worüber ich mich sehr geärgert habe. Kaum hier angekommen hörte ich im Künstlerverein Ihre d moll Sinfonie, die sehr gut ging. Ich arbeite jetzt an dem 4händigen Auszüge meiner Sinfonie, worin ich die Buchstaben der Orchesterstimmen sowie die nothwendigste Angabe der Instrumentierung mit aufnehme. Die hiesigen Geiger hoffen sehr stark auf Ihr „Sonst und jetzt“, könnten Sie es nur erst von Ihnen hören, dann würden sie es vielleicht auch nicht spielen können wie es sein soll. Haben sich die Unannehmlichkeiten mit Hasemann? in dem Falle grüßen Sie ihn von mir. Er ist ein tüchtiger Künstler aber ein Querkopf. Nun theuerster Freund leben Sie wohl. Herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin, deren hochgeehrte Eltern und Geschwister, Frau v. Malsburg, Fräulein Pauline Pfeiffer, der auch meine Nachbarin Mad. Mendel sich bestens empfiehlt, ihr für die geschenkte Theilnahme dankend. Ist Hauptmann in seinen Unternehmungen bei den kleinen Fräulein schon bedeutend vorgeschritten? Grüßen Sie ihn, so wie die ganze Kapelle von mir herzlich. NB. Könnten Sie vielleicht meine 4te Ouvertüre in e moll, die Sie haben, wieder einmal geben? Ich halte sie für eine meiner besten Sachen. Nochmals tausend Dank für alles genossene Gute und Schöne
wie immer

Ihr ergebenster Verehrer
A. Hesse.

Schreiben Sie mir doch gütigst bald, ich würde mich sehr freuen, zu vernehmen, wie es mit dem neuen Oratorium3 steht.
So eben lese ich in der Spenerschen Berl. Zeitung einen Bericht4 über meine Sinfonie, der gerade die Arbeit im letzten Satze auszeichnet, und keine Anklänge an Mozart und Beethoven findet. Die sorgfältige Ausführung wird auch sehr gelobt.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 21.11.1839. Als Spohr auf diesen Brief nicht antwortete, schrieb Hesse seinen nächsten Brief an Spohr am 28.02.1839.

[1] Vgl. S., „Musikleben in Leipzig während des Winterhalbjahres 1839/40”, in: Neue Zeitschrift für Musik 9 (1840), 139f., 143f., 151f., 154f. und 159f., hier S. 155

[2] Laut Felix Mendelssohn Bartholdy, Sämtliche Briefe, Bd. 4, hrsg. v. Lucian Schiwietz und Sebastian Schmideler, Kassel u.a. 2011, S. 662 bat Hesse Mendelssohn in einem Brief vom 24.02.1836 für eine ihm zugefügte Kränkung um Verzeihung. Dem Kommentar zufolge stand dies vermutlich mit Mendelssohns Ablehnung Hesses Sinfonie op. 55 im Gewandhaus aufzuführen in Verbindung.

[3] Der Fall Babylons.

[4] Noch nicht ermittelt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.04.2016).