Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner
Hochzuverehrender Herr Hofkapellmeister,

Wenn ich es wage, mich in einer mir wichtigen Angelegenheit an Euer Wohlgeborn zu wenden und deren Güte anzusprechen, so erkennen Sie darin das Vertrauen eines jungen Mannes zu Ihnen, dem thatkräfitgen Beförderer des Guten und Schönen.
Ich habe in Erfahrung gebracht, daß gegenwärtig beim Kasseler Hoftheater die Stelle eines Theaterdichters vakant sei, und daß früher immer ein solcher daselbst angestellt war. Da ich nun seit Absovirung meiner höhren Studien und häuslichen Niederlasung in Fulda neben meiner sonstigen literarischen Arbeiten verzüglich für die dramatische Poesie befähigt fühlte und durch meine derartigen Leistungen, die freilich bis daher nur von ambulanten Truppen gegeben wurden, mir Zutrauen erworben habe, so beabsichtige ich, in einer Vorstellung an Seine Hoheit, den durchltigsten1 Kurprinzen und Mitregenten um Uebertragung dieser Stelle zu bitten, und zu meiner Legitimation, daß ich zu dieser Stelle befähigt sei, aus jeder Branche der dramatischen Poesie, als: eine vieraktige Oper, ein fünfaktiges Trauerspiel und ein Lustspiel beizufügen.
Bevor ich jedoch dieses Gesuch an Seine Hoheit abschicke, scheint es mir räthlich, erst über die Qualität der fraglichen Stelle – namentlich, ob im Allgemeinen eine Anstellung statt finde und dieselbe Ihnen „dankbar” erscheint, welcher Gehalt mit derselben verbunden und worin die wichtigsten Dienst-Funktionen bestehen, Aufschluß zu haben. - Sie sind aufs Innigste mit den Verhältnissen des Hofthaters vertraut und ich wußte deshalb niemanden, dem ich meine Angelegenheit mittheilen und zur gütigen Theinahme vorlegen konnte, als Sie – und neine Sprache ist die eines Sohnes an seinen Vater, wovon ich Sie bitte, mir doch gefälligst diesen Aufschluß zu ertheilen. -
Bei meiner warmen Neigung: für’s Theater zu wirken, und bei genauer Befreundung mit der dramatischen Literatur, wovon ich ebenfalls ein zur Herausgabe vorbereitetes Werkchen, was ich nesbt meinen Dramen Euer Wohlgeboren auf Verlangen mit Vergnügen vorlegen würde, dem Gesuche an seine Hoheit anschließen will, würde mir auch jede andere Stelle bei demselben (in Verwaltungs-Sache) willkommen sein und, von Kenntniß unterstützt, von Pünktlichkeit geleitet und auch durch äußere Verhältnisse zu einer, allenfalls nöthigen, Kautions-Leistung befähigt, allen Anforderungen gewiß entsprechen. Bei etwaiger mißlicher Lage jener ersten Stelle wollen Sie mir gefälligst über diesen zweiten Punkt gütige Mittheilung machen.
Verehrter Herr! Was Sie durch Ihre gütige Theilnahme für die leisten würden, vermag ich nicht auszusprechen und unendliches Verdienst erwürben Sie sich um einen jungen Mann, dem es, von ihm zusagenden Verhältnissen angelächelt, vielleicht gelänge, für die dramatische Kunst noch Manches zu leisten. Ich würde es nicht gewagt haben, Euer Wohlgeboren zu belästigen, wenn ich nicht aus der Kunst- und Literatur-Geschichte wüßte, daß gerade die größten Gelehrten und Künstler es waren, die den Keim junger Talente erweckten und begünstigten.
Ich schmeichle mir mit der Hoffnung, recht bald durch ein hochgeneigtes Schreiben von Euer Wohlgeboren erfreut zu werden, der ich in größter Hochachtung beharre

Euer Wohlgeboren
ergebenster Diener
A. Henze, Privatier.
Wohlhaft in der Friedrichsstraße
bei Hauptmann Zich in Fulda.

Fulda, am 4. Decbr 1839.

Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839120449

http://bit.ly/2gDhU9s

Spohr



Spohr beantwortete diesen Brief am 08.12.1839.

[1] Wohl Abkürzung für „durchlauchtigsten”.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (01.12.2016).