Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.2 <18391028>

Sr. Wohlgeboren
dem
Herrn Dr. Louis Spohr.
Kurfürstl Hof-Kapellmeister
Ritter etc. etc.
in
Cassel
Kölnisches Thor.

franco.


Breslau d. 28ten October
1839.

Hochgeehrtester Freund!

Ihr lieber interessanter Brief hat hier viel Sensation erregt und ist von Hand zu Hand gewandert, endlich auch in die Hand unseres Zeitungsredakteurs, der aus demselben und dem Times1 einen Bericht formirt hat, der in diesen Tagen unsere Zeitung zieren soll, ich habe ihn im Manuskript heut gelesen, Sie erhalten ihn nächstens samt der Times von mir. Nun hören Sie was ich noch alles vorhabe. Möser hat mich dringend ersucht, bei Aufführung meiner neuen Sinfonie doch endlich einmal in Berlin gegenwärtig zu sein, weshalb ich noch sehr im Zweifel war, jetzt mich aber entschlossen habe hinzureisen; er will sie gegen Ende November geben, und dachte ich, wenn es Ihnen möglich wäre, das Werk in Kassel etwa Mitte November aufzuführen, so würde ich selbst damit zu Ihnen kommen, da es nun aber die höchste Zeit ist Anstalten zu treffen, denn ich möchte doch wenigstens 8 Tage in Kassel bleiben, so bitte ich Sie ergebenst, mir, wenn es Sie nicht zu sehr inkomodirt, noch an demselben Tage, wo Sie meinen Brief erhalten, gütigst zu antworten, dann kann meiner genauen Berechnung zufolge Ihr Schreiben am 6ten November in meinen Händen sein, natürlich muß ich die Sache jetzt schon als ziemlich gewiß annehmen, sonst kann ich vom 6ten Nov. an nicht alle Vorkehrungen mehr treffen, melden Sie mir daher den Tag Ihres Abonnementskonzertes (das, wenn es in meinen Plan ganz treffen soll, und wenn es noch wie früher Donnerstags gegeben wird, am 14ten November am besten stattfinden würde). Damit sich nun aber meine Reise recht verlohnt, bin ich so dreist, noch einige Wünsche laut werden zu lassen. 1) Ihr Sonst und jetzt, könnten Sie recht wohl in demselben Konzerte spielen, Sie sind dann so gütig und dirigiren meine Sinfonie im 2ten Theil, das würde mich sehr beglücken. 2) Ihr herrliches Quintett in g moll das ich aus dem Klavierauszuge jetzt ganz genau kann muß ich von Ihnen hören, eben so möchte ich 3) Ihre Historische Sinfonie, gleichviel ob in der Probe oder in einem Konzerte kennen lernen. Entschuldigen Sie nur meine dreisten Anforderungen mit der großen Verehrung für Sie.
Heute dirigire ich meine neue Sinfonie, sie ist in einem ganz anderen Style gehalten wie die früheren2, und alle haben bei der ersten Probe mir versichert, daß sie das Werk bei Weitem für das beste halten, was ich bisher geschrieben habe, auch ich haben bei der neulichen Probe die Wirkung weit über meine Erwartung gefunden. Da ich vorigen Sommer nicht verreiste, so habe [ich] 4 Monate mit größter Gemächlichkeit daran gearbeitet, und glaube hoffen zu dürfen, Sie werden das Werk im Vergleich zu meinen früheren Jünglingsarbeiten für ein Produkt gereifter Erfahrung halten. Doch nun genug davon, grüßen Sie Ihre Frau Gemahlin und Ihre sonstige Familie, sowie Frau v. Malsburg und andere werthe Bekannte hochachtungsvoll von mir. Ich freue mich wie ein Kind, Sie zu sehen und zu hören.

Hochachtungsvoll
Ihr
ganz ergebener Verehrer
Adolph Hesse.

Köhler empfiehlt sich ganz ergebenst, so wie alle Ihre Verehrer, deren Zahl sehr groß ist. Könnten Sie nicht auch während meiner Anwesenheit den Faust geben? oder Pietro, Alchimist?
etc. etc.

Erwähnte Personen: Köhler, Ernst
Malsburg, Caroline von der
Möser, Carl
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Hesse, Adolph : Sinfonien, op. 64
Spohr, Louis : Historische Sinfonie
Spohr, Louis : Quintette, Vl 1 2 Va 1 2 Vc, op. 106
Spohr, Louis : Sonst und Jetzt
Erwähnte Orte: Berlin
Breslau
Kassel
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839102831

http://bit.ly/1qbibUz

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 16.10.1839. Spohr beantwortete diesen Brief am 02.11.1839.

[1] „The Norwich Music Festival. Thursday Afternoon”, in: Times (London) 21.09.1839, S. 5; vgl. Vorbrief.

[2] „Eine neue Symphonie brachte Hr. Oberorganist Adolph Hesse aus Breslau mit und dirigirte sie selbst; sie ist die 5te seiner Arbeit und ein absichtliches Losringen von seinem Meister und Vorbild (Spohr) darin unverkennbar, dessen Einfluß sich in den früheren Compositionen Hrn. Hesse’s namentlich in der Harmonieführung und Wechselung äußerte” („Musikleben in Leipzig während des Winterhalbjahrs 1839/40”, in: Neue Zeitschrift für Musik 12 (1840), S. 139f., 143f., 151f, 154f. und 159f., hier S. 155).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.04.2015).