Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 1,79
Druck 1: Ernst Rychnovsky, „Johann Friedrich Kittl. Ein Beitrag zur Musikgeschichte Prags”, in: Mittheilungen des Vereines für Geschichte der Deutschen in Böhmen 42 (1904), S. 310-345 und 43 (1905), S. 51-116, hier 42, S. 333f. (teilweise)
Druck 2: ders., dass., Bd. 1 (= Studien zur Geschichte der Musik in Böhmen 3), Prag 1904, S. 27 (teilweise)
Druck 3: Ant[on] Šilhan, „Louis Spohr a Jeho Styky s Prahou”, in: Hudební Revue 2 (1909), S. 453-463, hier S. 458f. (tschechische Übers.)
Inhaltsangabe: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 128

Euer Wohlgeboren!
Hochverehrtester Herr und Meister!

Ihre menschenfreundliche Güte und Loyalität geben mir den Muth Euer Wohlgeboren eine Bitte vorzutragen und lassen mir die Hoffnung, daß Sie selbe nicht für Zudringlichkeit ansehen, sondern huldvoll aufnehmen werden.
Durch Ihr mich so beglückendes Urtheil über meine Jagd-Sinfonie ermutigt, entstand in mir die Idee und faßte Wurzel, dieses Werk auch noch anderwärts zu Gehör zu bringen und namentlich in Leipzig – diesem Weltmarkte der Kunst – um, falls es gefallen sollte, dafür einen Verleger zu bekommen, was denn doch das endliche Ziel eines jeden Komponisten ist. Da ich nun weiß, daß Euer Wohlgeboren im besten Einvernehmen mit Mendelssohn-Bartholdy stehen und daß er auf Ihre Anempfehlung alles tut, so wage ich die Bitte, von Ihrer kostbaren Zeit sich ein Viertelstündchen zu Gunsten eines Jüngers, der für die Kunst brennt und für sie lebt und stirbt, abzustehlen und Mendelssohn-Bartholdy in paar Zeilen auf mich aufmerksam zu machen, ihm Ihr Urtheil über mein Kunststreben mitzuteilen und ihm den Vorschlag zu machen, eine meiner Sinfonien zur Aufführung zu bringen.1 Ich würde dann, wenn Sie die Gnade hätten, meiner Bitte zu willfahren, auch an ihn schreiben, mich auf Ihre huldvolle Anempfehlung berufen und mich bei ihm anfragen. - Ich gehe in meiner Kühnheit noch weiter und füge meiner Bitte noch den Wunsch hinzu, ob es nicht möglich wäre, noch vor Ihrer Abreise nach Norwich an Mendelssohn-Bartholdy zu schreiben und mich davon zu benachrichtigen?
Ich hoffe, daß ich durch dies mein Ansuchen mir Ihre Gunst nicht verscherzt habe und daß Sie liebreich von der Sonnenhöhe Ihres Ruhms in das dunkle Tal hinabsehen, wo ich schmachte, und mir Ihre Hand nicht versagen, die mich aus den Untiefen ein wenig emporheben soll, um mich des Lichtes teilhaftig zu machen, das Ihnen in vollem Glanze zustörmt. Mich Ihrem Schutze übergebend verbleibe ich mit unbegrenzter Verehrung und Dankbarkeit

Euer Wohlgeboren
treuergebener
J F Kittl

Prag am 20ten Juli 839.

Erwähnte Personen: Mendelssohn Bartholdy, Felix
Erwähnte Kompositionen: Kittll, Johann Friedrich : Jagdsinfonie
Erwähnte Orte: Leipzig
Erwähnte Institutionen: Gewandhaus <Leipzig>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839092015

http://bit.ly/2gjjjGg

Spohr



Dieser Brief folgt in dieser Korrespondenz auf Kittl an Spohr, 09.04.1839. Dass Spohr diesen Brief beantwortete, lässt sich derzeit nicht belegen, ist aber wahrscheinlich, da Kittls Jagdsinfonie tatsächlich am 09.01.1840 im Gewandhaus zu Leipzig aufgeführt wurde (vgl. „Leipzig, den 11. Januar 1840“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 42 (1840), Sp. 52ff., hier Sp. 53; „Musikleben in Leipzig während des Winters 1839/40“, in: Neue Zeitschrift für Musik 12 (1840), S. 139f. und 143f., hier S. 140). Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Kittl an Spohr, 06.01.1846, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Spohr an Kittl erschließen lässt.

[1] Da die Sinfonie in Leipzig zur Aufführung kam (s.o.) ist ein Brief von Spohr an Mendelssohn wahrscheinlich, derzeit jedoch nicht sicher erschlossen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (28.08.2017).

Ihre menschenfreundliche Güte und Loyalität geben mir den Mut, Euer Wohlgeboren eine Bitte vorzutragen und lassen mir die Hoffnung, daß Sie selbse nicht für Zudringlichkeit ansehen, sondern huldvoll aufnehmen werden. - Durch Ihr mich so beglückendes Urteil über meine Jagdsymphonie ermutigt, entstand in mir die Idee und faßte Wurzel, dieses Werk auch noch anderwärts zu Gehör zu bringen und namentlich in Leipzig – diesem Weltmarkte der Kunst – um, falls es gefallen sollte, dafür einen Verleger zu bekommen, was denn doch das endliche Ziel eines jeden Komponisten ist. Da ich nun weiß, daß Euer Wohlgeboren im besten Einvernehmen mit Mendelssohn-Bartholdy stehen und daß er auf Ihre Anempfehlung alles tut, so wage ich die Bitte, von Ihrer kostbaren Zeit sich ein Viertelstündchen zu Gunsten eines Jügers, der für die Kunst brennt und für sie lebt und stirbt, abzustehlen und Mendelssohn-Bartholdy in paar Zeilen auf mich aufmerksam zu machen, ihm Ihr Urteil über mein Kunststreben mitzuteilen und ihm den Vorschlag zu machen, eine meiner Symphonien zur Aufführung zu bringen. Ich würde dann, wenn Sie die Gnade hätten, meiner Bitte zu willfahren, auch an ihn schreiben, mich auf Ihre huldvolle Anempfehlung berufen und mich bei ihm anfragen. - Ich gehe in meiner Kühnheit noch weiter und füge meiner Bitte noch den Wunsch hinzu, ob es nicht möglich wäre, noch vor Ihrer Abreise nach Norwich an Mendelssohn-Bartholdy zu schreiben und mich davon zu benachrichtigen? - Ich hoffe, daß ich durch dies mein Ansuchen mir Ihre Gunst nicht verscherzt habe und daß Sie liebreich von der Sonnenhöhe Ihres Ruhms in das dunkle Tal hinabsehen, wo ich schmachte, und mir Ihre Hand nicht versagen, die mich aus den Untiefen ein wenig emporheben soll, um mich des Lichtes teilhaftig zu machen, das Ihnen in vollem Glanze zustörmt. Mich Ihrem Schutze übergebend verbleibe ich mit unbegrenzter Dankbarkeit und Verehrung [...]