Marianne Spohr, Tagebuch von der Reise nach England im September 1839, Ms., Bl. 2v-3v.

Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 2.1.07



Freitag d. 6ten

Um 6 hörte ich mit großer Freude Spohrs Stimme, der uns zurief, daß wir nun in Holland seien. Wir begaben uns darauf in den Salon, tranken da Kaffee, und amüsierten uns nun recht gut. Um ½ 10 hielt das Schiff wieder bei Nimwegen, und wir betrachteten vom Verdeck aus lange die interessante alte Stadt. Nach 11 Uhr bei der Stadt Tuil hatten wir einen ungeheuren Schrecken, in dem unser Schiff so heftig mit einem kleinen Kohleschiff zusammenrammte, daß Letzterem die Seitenwand abgerissen wurde, und es große Angst und Spectakel gab! – Um 1 hr aßen wir an table d’hotes, wobei es aber wieder so scheußlich rumpelte, das alle Gläser und Teller auf dem Tisch klirrten. Später kamen wir bei hübschen Gegenden (besonders Gerkum) vorbei, die wir vom Verdeck aus betrachteten. Bei Dortrecht, einer großen merkwürdigen Stadt wurde es noch schöner, und in der Nähe von Rotterdam am Interessantesten. Das Schiff wurde dann mit einer großen Menge Flaggen aufgeputzt, und lief ganz festlich dem ungeheuren Hafen zu, der sich im höchsten Grade imposant ausnahm. Es dauerte noch lange, ehe das Schiff anlanden konnte, weil der Hafen so sehr voll war; um 5 Uhr stiegen wir aus. und gingen hinter dem Herren her, der unser Gepäck ins Hotel de l’Europe1 fuhr. Wir machten dann noch einen großen Spaziergang durch die Stadt, die mit lauter Wasser und Canälen voller Schiffe durchschnitten ist2 und für einen höchst fremd- und großartigen, aber sehr unheimlichen Eindruck macht, weil die Häuser sehr hoch und dunkel und dicht davor Bäume sind.3 Auf dem Rückweg gingen wir in eine brillant erleuchtete Synagoge, wo die Männer unten einen sehr reichen aber höchst seltsamen Gesang ausführten, dem dann immer ein allgemeines Gemauschel folgte; die Frauen waren oben hinter eisernen Gittern. Das Ganze war merkwürdig wie ein Traum.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Dortrecht
Nimwegen
Rotterdam
Tuil
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839090690

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Spohr



[1] Vgl. Carl Baedeker, Handbüchlein für Reisende, nach eigener Anschauung und den besten Hülfsquellen bearbeitet, Koblenz 21845, S. 21; Friedrich Karl von Strombeck, Darstellungen aus einer Reise durch Deutschland und Holland im Jahre 1837, Braunschweig 1838, S. 213f. und 216, Anm. *. 

[2] Vgl. Baedecker, S. 21f., Strombeck, S. 219f. 

[3] Vgl. Strombeck, S. 214

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.04.2015).