Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Simon Moser, Das Liedschaffen Louis Spohrs. Studien, Kataloge, Analysen, Wertungen. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kunstliedes, Kassel 2005, Bd. 1, S. 60 (teilweise)
Inhaltsangabe: Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 464

Schloß zu Ploen im Herzogthum Holstein
den 12t Juni 1839.

Hochwohlgeborner,
Höchstgeehrtester Herr Kapellmeister!

Für wie undankbar müssen Ew. Hochwohlgeboren mich halten, daß ich bis jetzt Ihr mich so hoch ehrenden, so unendlich lieben Worte unbeantwortet, daß ich den schmeichelhaftesten Beweiß der höchst liebenswürdigsten Güte, noch immer unverdankt gelassen. Aber woher den Ausdruck entnehmen der warm, der lebendig genug ist um die ganze Fülle meines Dankgefühles zu bezeugen, um Ihnen meine ganze Seelenfreude wiederzugeben, für ein Geschenk Ihrer Hand in der Schöpfung Ihres Geistes, all das stolze Selbstgefühl, von dem Meister der Töne eines so schönen, eines so lieben Andenkens gewürdigt zu sein. Ein Fest der Grazien hat seine höchste Weihe empfangen durch ihre herrliche Tondichtung. Blicke der Überraschung, der Dankbarkeit, der reinsten Freude glänzten bei dem Emfang einer Gabe, die ihren Werth in sich trägt durch Gehalt, durch Form, durch die selbsteigenen Schriftzüge, und ein Lied erklingt nun von der holdesten Stimme und wird hinübergetragen in viele Herzen und schleicht sich hinein mit unwiderstehlichem Zauber. So wie Sie Sich schon längst durch das was Sie herrliches der Welt brachten, in unzuberechnenden Formen, in jedem Geist und Gefühlvollen Leben ansiedelten, so nun auch in dem engeren Kreis. Preisen Sie die beneidenswerthe Göttergabe, durch das Medium der Töne ein reiches Seelenleben austräumen zu können – Hierin haben die Tonsetzungen es vor jeder andren Dichtung voraus, daß eine diese den Gedanken durch das Wort in bestimmte Grenzen fesselt, jene ein unbegrenztes Gebiet aufthut, wozu ein Jeder den Schlüssel in sich selbst findet und die magischen Hieroglyphen sich selbst entziffert.
Ich bin, höchstverehrter Herr Kapellmeister, so kühn Ihnen einliegendes kleine Gedicht1 mitzutheilen, in dieser zeit bei mir entstanden durch die zufällige Anwesenheit eines übrigens mit viel mechanischer Fertigket begabten Violoncellisten2, bisheriger Begleiter des Hrn Ole Bull, aber ich konnte nicht unterlassen gewissermaßen einen kleinen Unmuth auszudrücken über die Extase wie Variationen ohne Gehalt und ohne Seele des Ausdrucks, wenn auch mit Fertigkeit vorgetragen, die, solche Künsteleien begehrende Menge versetzt. Hierin ist der Geist der Zeit sehr verbildet und das zuckersüße der ewig wiederkehrenden Flageolet-Töne und des Echo, ist so ermüdend. Gottlob! daß der Beßere bei den Beßern obsiegt. In Lübeck bereitet man sich mit vielem Eifer auf das bevorstehende Musikfest vor, und ich werde gewiß nicht unterlassen mir den Genuß des Gediegenen zu verschaffen, wenn alles Uibrige damit im Einklange steht, so sind die Lokalitäten in Lübeck sehr günstig. Wie sind hier in unserem kleinen Gesangverein den Winter über auch nicht müßig gewesen – Neukomm‘s Ostermorgen, Ellkamp‘s Paulus kamen zur Ausführung, nun steht der unsterbliche Faust an die Reihe und sein Studium bereitet Stunden von allseitiger(?) Innenfeier. Die Musik bleibt immer das Götterkind das uns Erden dem Himmel verbindet.
Ew. Hochwohlgeboren haben Sich, den öffentlichen Nachrichten zufolge, die Reise nach Engelland und zwar in Begleitung der kunstliebenden Liebenswürdigkeit, im September zu unternehmen. Ich wünsche aus innigster Seele daß Ihnen persönlich diese Reise so reich an Genuß und reiner Freude sein werde, als Ihre Erscheinung für Engeland, werth und genußvoll und freudebringend sein wird. In den reichen Domainen der Kunst sind Sie die Provinz die ein Jeder gern für sich erobert. Aber noch vorher und zwar in der Mitte des Monat August, hoffe ich fest die Ehre zu haben mich Ihnen in Cassel vorzustellen, und Sie gaben mir in so gütigern und liebenswürdigen Worten die Aussicht eines freundlichen Empfanges, daß ich untröstlich sein würde Sie zu verfehlen, aber überglücklich wird es mich machen persönlich meinen Dank voll Innigkeit zu wiederholen und Ihnen zu sagen, wie Sie Sich hier befreundete Seelen gewonnen haben, und wie Sie in der meinigen fortleben werden in der Ehrfurcht die das hohe Verdienst gebiethet – in der Hochgeschätzung der Erkenntlichkeits-Gefühle das gebe3 unauslöschlich ganz

Ew. Hochwohlgeboren
gehorsamster
Fabritius de Tengnagel


Musik.

Sie thront auf hohen Felsenfgipfeln,
Sie rauschet in dem Wasserfall,
Sie kömmt in der Haine Wipfeln,
Sie flötet durch das Blüthenthal.
Sie gab das Leben selbst bewzungen
In Lust und Leid, in Freud und Schmerz,
doch bleibt sie nicht auf Menschenzügen,
Sie bleibt nur in des Menschen Herz.

Sie, eine Heilige geboren,
Den sachten Himmelhöh‘n
Es geht ihr Zauber nie verloren
Wo sie durch‘s Seelenleben flammt,
Doch soll ihr nur die Menge lohnen,
Und giebt sie dieser sich zum Raub
So tritt sie ihre Himmelkronen
Mit Füßen in den Erdenstaub.

Wer schon geweiht zum Künstlerleben
In seines Wesens Tiefen schaut,
Der sollte uns Geweihten geben,
Was ihm die Götter anvertraut,
Er sollte allem Lob nicht leuchten,
Nicht frühern halb verschloß‘nen Sinn,
Sonst möcht‘ er seinen Lorbeer tauschen
Für einen fliehenden Gewinn.

Autor(en): Fabritius de Tengnagel, Adolph
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Bull, Ole
Erwähnte Kompositionen: Elkamp, Heinrich : Paulus
Neukomm, Sigismund : Der Ostermorgen
Spohr, Louis : Faust
Erwähnte Orte: Lübeck
Plön
Erwähnte Institutionen: Gesangverein <Plön>
Norddeutsche Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839061245

http://bit.ly/3qf9gUM

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Fabritius. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Fabritius an Spohr, 09.11.1849.

[1] Siehe unten.

[2] Noch nicht ermittelt.

[3] „gebe“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.11.2021).