Autograf: Spohr Museum Kassel, Sign. Sp. ep. 1.1 <18390415>

Cassel den 15ten April
1839.

Lieber Freund,

In der 2ten Hälfte des Winters war ich so mit Theaterarbeiten überhäuft, daß ich jede, nur einigermaßen aufschiebbare Correspondenz zurücklegen mußte. Dieß die Ursache, warum ich Ihnen noch nicht schrieb.
Die interessanteste Neuigkeit dieses Winter war Ole Bull, der im Theater bey erhöheten Preisen 2, ziemlich zahlreich besuchte Concerte gab. Am ersten fand man das Publikum enthusiasmirt1; im 2ten fingen die, welche auch das erste besucht hatten, schon an, allerley auszusetzen2 und hätte er ein 3tes Mal öffentlich gespielt, so würde der Beyfall dünn ausgefallen seyn. Da Sie ihn gehört haben, so brauche ich sein Spiel nicht zu charakterisiren. Er hätte (und es wäre vielleicht noch nicht zu spät) ein sehr großer Geiger aus ihm werden können, wenn er beym Beginn seiner Studien auf den rechten Weg geleitet worden wäre. So hat, wie so viele andere, auch ihn Paganini durch sein Vorbild zum Charlatan und Hexenmeister auf dem edlen Instrument gemacht. – Er brachte zwischen den beyden Concerten einen Abend bey mir zu spielte selbst 2 Mozart‘sche Quartetten. Da konnte man bemerken, daß es ihm am rechten Gefühl für die Schönheiten dieser Komponistionen nicht fehlt, er weiß es aber nicht anders als markirt zu meistern. Bey diesen Quartettproductionen fiel es nur erst recht auf, wie schwach und kindisch sein Ton ist, da wir bey dem äußersten pp unseres Accompagnements es doch nicht ganz vermeiden konnten, ihn zu verdecken. Die ganze Schuld davon trägt zwar sein dünner Bezug und der fast ganz flach geschnittene Steg, – doch auch zum Theil die mangelhafte Bogenführung, die überhaupt bey den neuen Geigern der Ausbildung der linken Hand bedeutend nachsteht.3 – Da ich bei seinem Spiel, wie früher bei dem von Beriot, bemerkte, mit wie wenig diese Geiger den Enthusiasmus des großen Haufens zu erregen wissen, so brachte mich dies auf die Idee, ein Musikstück zu schreiben unter dem Titel „Sonst und jetzt“, und in dem „jetzt“ die neue Spielart zu persiflieren. Über der Arbeit ist aber doch etwas anderes und ernstes daraus geworden, und ich habe es nicht über mich gewinnen können, die Spielereien der Neuern, z.B. Flageolets, pizzicato u dergl., aufzunehmen. Es enthält mithin nichts, was nicht meiner Spielart angemessen wäre, ist aber, ohne eigentlich schwerer wie die übrigen Concertinos zu sein, unendlich brillanter und hat deshalb auch bei der Produktion (vorigen Freitag im letzten Abonnement-Concerte) einen Effekt auf das große Publikum gemacht, wie ich ihn früher hier nie erlebt habe. Ob ich dies dem Titel oder der Militärtrommel in dem „jetzt“ oder meinem Spiel zu danken habe, bleibt unentschieden; das Factum besteht aber und der Prinz hat mich schon aufgefordert, es im Pfingst-Concerte zu wiederholen.4
Vor einigen Tagen habe ich von London eine Einladung erhalten, das diesjährige große Musikfest in Norwich, wo „des Heilands letzte Stunden“ und mehrere Instrumentalkompositionen von mir gegeben werden, zu dirigiren. Dieß Fest dauert 4 Tage und besteht aus 3 geistlichen Morgenconcerten in der Kirche und 3 weltlichen Abendconcerten im Salle. Es kommen 400 Sänger und Instrumenalisten, größtentheil aus London dahin und diesen die ersten Sänger der Italienischen Oper. Ich habe große Lust der Einladung zu folgen wenn es mir gelingt den Urlaub auszuwirken. Das Fest ist Mitte September. Sollte ich dorthin gehen, so mache ich während der Ferienzeit nur einen 8tägigen Besuch bey meinen Eltern. Sollte mir der Urlaub aber abgeschlagen werden (leider das Wahrscheinlichlichste!) so mache ich mit meiner Frau eine Ferienreise in die Schweitz oder gar nach Paris.
Von Fräulein Schubert habe ich einen sehr schönen Geldbeutel als Geburtstagsgeschenk zugeschickt erhalten, wofür ich mich in beyliegendem Briefe, den ich zu übergeben bitte, bedanke5 – Zugleich bitte ich der Friesner‘schen Familie und Herrn Köhler unsere freundlichsten Grüße zu sagen.

Mit wahrer Freundschaft stets ganz
der Ihrige
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Bériot, Charles Auguste de
Bull, Ole
Friedrich Wilhelm Hessen-Kassel, Kurfürst
Friesner, R.
Friesner, Ulrike
Köhler, Ernst
Schubert, Ottilie
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Spohr, Louis : Sonst und Jetzt, op. 110
Erwähnte Orte: Norwich
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839041501

http://bit.ly/1DHoxNS

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 20.02.1839. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hesse an Spohr, 04.10.1839.

[1] Vgl. L., „Kassel, im Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 109ff., 128ff. und 139ff., hier Sp. 141.

[2] Vgl. L., „Kassel, Ende Juni”, Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 601-604, hier Sp. 601.

[3] Vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 26.01.1839.

[4] Vgl. L., „Kassel, Ende Juni”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 601-604, hier Sp. 602.

[5] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.04.2015).