Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,178
Druck 1: Louis Spohr, Louis Spohr's Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 228f. (teilweise)
Druck 2: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 209f. (teilweise)

Sr. Wohlgeb.
Herrn Wilhelm Speyer
in Frankfurt a/m

durch Güte(?)
nebst einem
Paquet Mu-
sikalien


Cassel den 26ten
Januar 1839.

Geliebter Freund,

Hoffentlich wird dieser Brief die Kranken Ihrer Familie genesen und Ihre liebe Frau über den Verlust der Schwester in etwas geströstet finden. Am sichersten vermag dieses zwar nur die Zeit, auf die auch ich bei meinen harten Verlusten hoffe!
Ich benutze eine Gelegenheit nach Frankfurt um Ihnen ein kl. Paquet für Madame Filipowicz in London zu übersenden, welches ich nebst herzlichen Grüßen an H Schnyder abzugeben bitte.
An dem Repertoire Ihres projectirten Concerts weiß ich nichts auszusetzen, als daß es zuviel enthält und meiner Berechnung nach über drei Stunden dauern wird. Doch kann es seyn, daß ich mich verrechne, da mir einige Sachen und ihre Länge nicht bekannt sind.
In der Folge werde ich sicher hier etwas für die Mozart-Stiftung zu veranstalten suchen[.] In diesem Winter ist es aber nicht möglich, da wir noch eine Aufführung für Beethovens Denkmal schulden, obgleich das Comité oft erinnert hat.1 Sie haben sich nun auf meinen Rath an die Gräfin Schaumburg gewandt und dieß wird erstlich(?) zum Juli führen.2
Gestern und vor einigen Tagen hat Ole Bull 2 Concerte im Theater gegeben und unser Publikum sehr entzückt.3 Sein vollgriffiges Spiel und die Sicherheit der linken Hand sind bewundernswürdig, er opfert aber, wie Paganini, seynen Kunststücken [z]u viel anderes des edlen In[strumen]ts. Sein Ton ist bey dem schwachen Bezug ganz schlecht und die a und D-Saite kann er bei dem fast ganz flachen Stege nur in der unteren Lage und ganz piano gebrauchen. Dieß gibt seinem Spiel, wenn er nicht seine Kunststücke loslassen kann, eine große Monotonie. Wir erfuhren dieß bey 2 Mozartschen Quartetten die er bey mir spielte. Er spielt übrigens mit vielem Gefühl, doch nicht mit gebildetem Geschmack.4 – Herzliche Grüße an die lieben Ihrigen. Wie immer der Ihrige L. Spohr

Erwähnte Personen: Bull, Ole
Filipowicz, Elisabeth
Forsboom, Anton
Forsboom, Friedericke
Gertrude Hessen-Kassel, Kurfürstin
Goldner, Victoire von
Paganini, Niccolò
Schnyder von Wartensee, Franz Xaver
Speyer, Charlotte
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839012602

http://bit.ly/1QmMBxp

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Speyer an Spohr, 05.01.1838. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 30.03.1839.

[1] Das Konzert fand am 19. Mai 1839 statt (vgl. L., „Kassel, Ende Juni”, Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 601-604, hier Sp. 603).

[2] Die Ehefrau Gertrude des damaligen kurhessischen Prinzregenten und späteren Kurfürsten Friedrich Wilhelm I stammte aus Bonn; dies nutzte das Komitee für das Beethoven-Denkmal, wohl nicht nur, um das Konzert durchzusetzen, sondern auch um für 1845 Spohr einen Sonderurlaub auszuwirken, damit er die Einweihungsfeierlichkeiten gemeinsam mit Franz Liszt dirigieren konnte (Louis Spohr, Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel 1861, S. 299).

[3] Zum Konzert am 19.01.1839 vgl. L., „Kassel, im Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 109ff., 128ff. und 139ff., hier Sp. 141; zum Konzert am 22. vgl. L., „Kassel, Ende Juni”, 601; zu beiden Konzerten vgl. „Cassel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 10 (1839), S. 52.

[4] Vgl. Spohr an Adolph Hesse, 15.04.1839.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.04.2015).

Ole Bull hat in diesen Tagen zwei Conzerte im Theater gegeben und das Publikum sehr entzückt. Sein vollgriffiges Spiel und die Sicherheit der linken Hand sind bewundernswürdig, er opfert aber, wie Paganini, seinen Kunststücken zuviel anderes des edlen Instruments. Sein Ton ist bei dem schwachen Bezug ganz schlecht, und die A- und D-Saite kann er bei dem fast ganz flachen Stege nur in der unteren Lage und pianissimo gebrauchen. Dieses giebt seinem Spiel, wenn er nicht seine Kunststücke loslassen kann, eine große Monotonie. Wir erfuhren dieses bei zwei Mozartschen Quartetten, die er bei mir spielte. Er spielt übrigens mit vielem Gefühl, doch nicht mit gebildetem Geschmack.

Cassel, 26. Januar 1839

Hoffentlich wird dieser Brief die Kranken Ihrer Familie genesen und Ihre liebe Frau über den Verlust der Schwester in etwas geströstet finden. Am sichersten vermag dieses zwar nur die Zeit, auf die auch ich bei meinen harten Verlusten hoffe ...
An dem Repertoire Ihres projektierten Konzerts weiß ich nichts auszusetzen, als daß es zuviel enthält und meiner Berechnung nach über drei Stunden dauern wird. Doch kann es sein, daß ich mich verrechne, da mir einige Sachen und ihre Länge nicht bekannt sind ...
Gestern und vor einigen Tagen hat Ole Bull zwei Konzerte im Theater gegeben und unser Publikum sehr entzückt. Sein vollgriffiges Spiel und die Sicherheit der linken Hand sind bewundernswürdig, er opfert aber, wie Paganini, seinen Kunststücken zuviel anderes des edlen Instruments. Sein Ton ist bei dem schwachen Bezug ganz schlecht und die A- und D-Saite kann er bei dem fast ganz flachen Strange nur in der unteren Lage und ganz piano gebrauchen. Dieses gibt seinem Spiel, wenn er nicht seine Kunststücke loslassen kann, eine große Monotonie. Wir erfuhren dieses bei zwei Mozartschen Quartetten, die er bei mir spielte. Er spielt übrigens mit vielem Gefühl, doch nicht mit gebildetem Geschmack ...