Autograf: Suomen Kansalliskirjasto [Finnische Nationalbibliothek] Helsinki (FIN-Hy), Sign. Coll.760.7
Druck 1: Otto Andersson, „Ur Pacius' brefsamling. Bref til Fredrik Pacius och hans far Louis Pacius från Louis Spohr och Moritz Hauptmann”, in: Finsk Musikrevy 1 (1905), S. 169-174 und 243-249, hier S. 248f.
Druck 2: Ders., „Ein Brief Louis Spohr's”, in: Zeitschrift der Internationalen Louis Spohr Gesellschaft 14 (1912/13), S. 70f.

Sr. Wohlgeb.
Herrn Ls. Pacius
Ness Nro 7
in
Hamburg.

franco.


Cassel den 10ten
Febr. 1839.

Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr,

Der mir gütigst mitgetheilte Artikel über Ole Bull ist nicht aus einer hiesigen, sondern aus der Hannoverschen Zeitung genommen worden.1 Er ist aber nicht von Ole Bull, sondern warscheinlich von einem hiesigen Correspondenten jener Zeitung, den Ole freilich durch Freibillette und Besuch für sich zu gewinnen wußte. Ole Bull ist hier übrigens in höchstem Grade bescheiden aufgetreten und hat sich als ein liebenswürdiges Naturkind gezeigt. Ob dieß Masque oder ihm eigenthümlich sey, getraue ich mich nicht zu entscheiden. Bey seinem ersten Auftreten gefiel er dem großen Haufen außerordentlich, im 2ten Concert ließ dieß aber sehr nach.2 Die Kenner waren auch schon nach dem ersten Concert, besonders aber nach einer Musikparthie bey mir, wo er zwei Mozartsche Quartetten spielte, im Klaren über ihn.3 Seine linke Hand ist vortrefflich, seine Bogenführung aber sehr mangelhaft. Hauptsächlich fehlt es ihm aber an eigentlicher Musikbildung, so wie an Geschmack und richtigem Gefühl. Daß sein Ton so dünn und ungenügend ist, kommt lediglich von dem flachen Steeg und der dünnen Besaitung. Auf meiner Geige hatte er viel mehr und besseren Ton. Hätte er seine Studien bey einem guten Meister gemacht, so würde sicher ein großer Geiger aus ihm geworden seyn. Als musikalische Merkwürdigkeit erregt er aber viel mehr Aufsehen beym großen Haufen und dieß trägt ihm Geld ein, worauf er es vor der Hand hauptsächlich abgesehen zu haben scheint.
Ein Urtheil öffentlich über ihn abzugeben, paßt nicht für meine Stellung; das Vorstehende ist deshalb nur für Sie und durch Ihren Brief veranlaßt niedergeschrieben. - Von Ihrem Sohn erzählte mir Ole Bull rein Gutes und ich habe mich herzlich gefreut, einmal wieder Nachrichten von ihm zu [be]kommen. Grüßen Sie ihn auf das herzlichste von mir.
Mit vorzüglicher Hochachtung

Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Louis Spohr

Erwähnte Personen: Bull, Ole
Pacius, Fredrik
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839001010

http://bit.ly/2JIM4uh

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Pacius an Spohr, 01.02.1839.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2] Zum Konzert am 19.01.1839 vgl. L., „Kassel, im Januar”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 41 (1839), Sp. 109ff., 128ff. und 139ff., hier Sp. 141; zum Konzert am 22. vgl. L., „Kassel, Ende Juni”, 601; zu beiden Konzerten vgl. „Cassel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 10 (1839), S. 52.

[3] Vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 26.01.1839; Spohr an Adolph Hesse, 15.04.1839.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.03.2019).