Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Kleinwächter,L.:18

Niemierzitz den 18t September
1838.

Verehrter Herr!

Ihr Brief vom 12t ds, den ich heute erhielt, kam gerade zur guten Zeit, denn ich hätte Ihnen ohnehin heute gewisz geschrieben. Dasz ich Ihnen so lange Antwort schuldig geblieben, hat seinen Grund in einer gegenwärtig gedrängten Beschäfitung, die mir auch nur das Nöthigste mitzutheilen gestattet. Ich will am Schlusze des nächsten Monats mich einer ausgeschriebenen Concoursprüfung für eine erledigte juridische Lehrkanzel unterziehen, und arbeite sohin itzt sehr fleiszig an der dazu nothwendigen Vorbereitung. Leider fiel mir die Geschichte gerade in die beste Stimmung einer musikalischen Arbeit. Ich habe von einem Streichquartette gerade erst 2 Sätze skizzirt, und mußte in der Mitte des 3ten stecken bleiben bis zur weitern freien Zeit. So geht es aus armein Dilettanten! Ich gebe mir alle Mühe, das Ding leichter zu schreiben, als das Erste, welches aus lauter Sorge für das Nicht zu Wenig in das zu viel hineingerathen ist, was mich davon schon oft verdroszen. Ihc werde sehr bitten: mir die betreffenden Stellen und die projectirte Aenderung mitzutheilen, wofür ich sehr dankbar sein werde. Leider konnte ich Ihren Rath bezüglich des Rondo für Piano und Violine1 nicht mehr benützen, da dasselbe schon seit längerer Zeit an den Verleger abgegangen war. Hoffentlich wird Ihnen mein wirklich ernstliches Streben in dem überschickten Quartette die Vergebung der eingeschlichenen und gewiß nicht gesuchten Schwierigkeiten erleichtern. Ich bin sehr gespannt auf Ihr Urtheil, um welches ich innigst bitte. Zugleich ersuche ich sehr, den Mittelsatz im Adagio so wie auch das Scherzo nur im sehr mäszigen Tempo zu nehmen, indem sich sonst die Figuren zu undeutlich kreuzen.
Wie die Uiberschrift dieses Briefes zeigt, bin ich gegenwärtig auszer Prag auf dem Landsitze eines Freundes2, und bin sohin auszer Stande, Ihre Wünsche selbst zu volziehen: Indeß sollen Sie darunter nicht leiden. Ich habe an Freund Kittl geschrieben, der Alles gewiß in meinem Namen sehr genau und gut besorgen, und Sie alsbald von den Resultaten in Kenntniß setzen wird.3 Ad vocem: Kitt habe ich anzuzeigen, dz4 die Partitur und Stimmen seiner Sinfonie bereits auf der Reise nach Cassel sind. Ich habe die Sachen mit Buchhändler-Gelegenheit an meinen Casseler Buchhändler geschickt, mit dem Auftrage, Ihnen dieselben franco zu behändigen. In 3-4 Wochen ist das Pacquet wohl sicher in Ihren Händen. Ich hoffe und wünsche, dz die Sinfonie Ihren Beifall finden möge. Kittl hat 2 seiner in Stich erschienenen neuen Compositionen – Op 2. & 3. - beigelegt, die er Ihnen verehrt. Zugleich sende ich Ihnen als musikalische Novität ein Exemplar von dem Album, welches von einigen Prager Tondichtern zum Besten der überschwemmten Pesther auf Veranlaßung des langen Ritterberg – einer Ihnen bekannten Figur – zusammengestellt wurde.5 Neben machen Schlechten, werden Sie einiger Interessantes darin finden. Meiner Ansicht nach steht à la tête des Unsinns die schreckliche Fuge vom Herausgeber, und leider muß ich die Variationen meines eigenen Meisters auch zu dem sehr Mißlungenen zählen. Schreiben Sie mir doch bei Musze, was Sie zu allen diesen Sachen sagen! Wenn Sie so gütig sein wollen, Freund Kittl von dem Erfolge seiner Sinfonie durch ein eigenes Schreiben zu verständigen, so werden Sie ihn höchst beglücken.6
Mendelssohns Paulus ward itzt zweimal hinter einander mit sehr vielem Beifalle hier (d.i. in Prag)7 gegeben.8 Ich war von dem Werke sehr entzückt, und nehme itzt Alles gegen Mend. gesagte feierlich zurück. Namentlich haben mich die Chor-Sätze angesprochen, weniger d in Solis und Duetten.
Wie ich glaube, kömmt bald Pott von Wien – wo er itzt auf Besuch ist – über Prag und wird dort spielen, auch gastirt dort gegenwärtig Hauser.
Wie ich vernommen, soll eine Ihrer Opern – Pietro oder der Alchymist – itzt bei uns in Szene kommen. Ich soll Sie fragen, ob es Ihnen einerlei, wenn die Jamben in der Prosa der letzten Oper in ungebundene Sprach gethan werden, da unsre Sänger schlecht sprechen. Ich glaube, das wäre das Geringste bei der Sache, umso mehr, als das Geschäft gewiß nur einem dazu tauglichen Manne würde übertragen weerden. Die Nachricht von dem neuen Quintett hat mich ungemein gefreut, ich theile sie gleich nach Prag zur allgemeinen Freude mit. Ihre Lieder mit Clarinette habe ich kurz vor meiner Abfahrt von Prag erhalten, sie müßen ganz herzlich effectuiren.
Nun leben Sie wohl, es ist bald Mitternacht – am Tage habe ich itzt zum Correspondiren nicht Musze – sobald aber erwähnte juridische Arbeit vorbei ist, werde ich Ihnen wieder von unserm Sein und Treiben Nachricht geben.
Unter den herzlichsten Grüßen und Empfehlungen von uns Allen an Sie und Ihre verehrte Gemahlin
mit aller Liebe und Ewigkeit

Ihr Freund
Louis Kleinwächter



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Kleinwächter, 12.09.1838. Spohrs Antwortbrief vom 29.10.1838 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] „Rondo für Piano und Violine“ über der Zeile eingefügt.

[2] Vermutlich Johann Weitlow (vgl. Schematismus für das Königreich Böhmen (1836), S. 177).

[3] Johann Friedrich Kittl an Spohr, 13.10.1838.

[4] „dz“ = Abk. f. „dasz“.

[5] Vgl. U., Rez. „Prager musikalisches Album, redigirt und herausgegeben von Ludwig Ritter von Rittersberg“, in: Bohemia 14.09.1838, nicht paginiert; L., „Aus Prag“, in: Zeitung für die elegante Welt , S. 988, 991f. und 995f., hier S. 996.

[6] Vgl. Spohr an Kittl, zwischen 01.02. und 10.03.1839.

[7] „(d.i. in Prag)“ über der Zeile eingefügt.

[8] Vgl. „Paulus, Oratorium von Mendelssohn-Bartholdy“, in: Bohemia 07.08.1838, nicht paginiert.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.04.2019).