Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,264
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 183 (teilweise)

Frankfurt 2 August 1838.

Theurer Freund!

Aus den öffentlichen Blättern werden Sie erfahren, wie gelungen und großartig das Sängerfest ausgefallen ist1; ich kann nur hinzufügen, daß alle Beschreibungen hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, und daß dieses Fest in jeder Beziehung zu den schönsten u. erfreulichsten gehört, die wohl je in Deutschland statt hatten.
Was nun die Wirkung Ihres Vater unser betrifft, so war solche über alle Maßen herrlich; die zwei Chöre waren ganz getrennt, so daß die Eintritte scharf gesondert erklangen, die Piano u. Forte immer richtig, die Soli gut besetzt u. der Chor von so ergreifender Wirkung, daß es nichts zu wünschen übrig ließ. Glauben Sie ja nicht, daß ich im mindesten übertreibe, denn eine so gelungene Aufführung in solchen Massen ist mir noch nie vorgekommen. – Das Bedauern Sie nicht hier zu sehen war allgemein u. bei dem Toast Ihnen zu Ehren, brach ein wahrer Jubel aus. – Ich überschicke Ihnen zum Andenken ein Sängeralbum2 u. hoffe daß es Ihnen Freude machen wird.
Die nachträglichen Beschäftigungen rauben mir aber so viel Zeit, daß ich für heute nicht mehr schreiben kann. Nächstens folgt mehr!
Erfreuen Sie mich unterdessen mit ein paar Zeilen u. beruhigen Sie u. die Meinigen über Ihr Befinden.

Ewig Ihr treuer
WmSpeyer.

Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Vater Unser, WoO 70
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Erwähnte Institutionen: Liederkranz <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1838080232

http://bit.ly/1Xd5mDF

Spohr



Der letzte Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 13.06.1838. Spohr schickte seinen nächsten Brief am 10.09.1838.

[1] Zum Zeitpunkt, als Speyer diesen Brief schrieb, kannte er vielleicht bereits zwei Frankfurter Publikationen: „Frankfurt, 31. Juli”, in: Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung, 01.08.1838, nicht paginiert und das am Tag des Briefs erschienene A[lexander] Weill, „Die drei Festtage Frankfurts”, in: Frankfurter Jahrbücher 12 (1838), S. 55-60, zu Spohrs im Brief genannten Vater Unser hier S. 57. Am 01.08.1838 erschien in Leipzig: „[Das große Sängerfest zu Frankfurt a.M.]”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 40 (1838), Sp. 515f. Noch spätere Berichte: „Das Sängerfest in Frankfurt am Main. Das Programm und seine Mängel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 9 (1838), S. 83f., 87ff., 92ff. und 96ff., zu Spohr hier S. 93f.; „Frankfurt”, in: Iris im Gebiet der Tonkunst 9 (1838), S. 128.

[2] Vermutlich Erinnerung an das erste Saengerfest der Mozartstiftung, gehalten zu Frankfurt a./Main, 29. u. 30. July 1838, Frankfurt am Main 1838.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.03.2016).

Frankfurt, 2. August 1838.

Aus den öffentlichen Blättern werden Sie erfahren haben wie gelungen und großartig das Sängerfest ausgefallen ist; ich kann nur hinzufügen, daß alle Beschreibungen hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, und daß dieses Fest in jeder Beziehung zu den schönsten und erfreulichsten gehört, die wohl je in Deutschland stattgefunden haben. Was nun die Wirkung Ihres ,Vater Unser’ betrifft, so war solche über alle Maßen herrlich; die zwei Chöre waren ganz getrennt, so daß die Eintritte scharf gesondert erklangen, die Piano und Forte immer richtig, die Soli gut besetzt und der Chor von so ergreifender Wirkung, daß es nichts zu wünschen übrig ließ. Glauben Sie ja nicht, daß ich im mindesten übertreibe, denn eine so gelungene Aufführung durch solche Massen ist mir noch nie vorgekommen. Das Bedauern Sie nicht hier zu sehen war allgemein, und bei dem Toast, Ihnen zu Ehren, brach ein wahrer Jubel aus. Ich überschicke Ihnen zum Andenken das ,Sängeralbum’ und hoffe, daß es Ihnen Freude machen wird. Die nachträglichen Beschäftigungen rauben mir aber so viel Zeit, daß ich für heute nicht mehr schreiben kann.