Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrter Herr Kapellmeister!

Ueberbringer dieser Zeilen, ein junger sehr talentvoller Schauspieler, auch ein talentvoller Musiker, wünscht auf seiner Durchreise nach Weimar Ihnen verehrter Meister seine Hochachtung zu beweisen. Sein Name ist Haeser1, dessen Vater2, Musikdirektor in Weimar in der musikalischen Welt nicht unbekannt ist. Sein Wunsch Sie persönlich kennen zu lernen, war so glühend, daß ich mit Freuden ihm die Gelegenheit an die Hand gab. Mein gegenwärtiges Schreiben beabsichtigt gleichzeitig Ihnen ein Mitglied unserer Bühne vorzuführen, welches ich mit Recht Ew. Wohlgeboren empfehlen kann. Herr Otto begabt mit einem ausgezeichneten musikalischen Talent, und im Besitz einer Baßstimme die man höchst ausgezeichnet nenen darf. Umfang [Nbs.] sehr metallreich. Sein Alter 28 Jahr. Was seine körperliche Bildung anbetrifft, so ist dieselbe groß und kräftig. Seine Parthien sind Dandau3, Bertram in R. d. Teufel, Osmin4, Sarastro5, Mephisto6, Pontifex7, Seneschall8, Hieros9, Leporello und Comthur9, Podesta10, Caspar12, Orovist (Norma) nebst wenigstens 40 anderen (größeren und kleineren Parthien) in den gangbarsten Opern. Sollte es möglich sein daß Sie ihm Ende Juni, wo hier 14 Tage Ferien sind, einigemal auftreten lassen wollten, so würde er gewiß meiner Empfehlung Ehre machen. Widrigenfalls wollte er wenn Sie es erlaubten, in dieser Zeit die kleine Reise nach Cassel machen, um Ihnen etwas vorzusingen. Vielleicht würde ich für ihn in Zukunft nützlich sein. Mit wahrhaft tief gefühlter Verehrung ergreife ich jede Gelegenheit, mich Ihnen, theuerster Lehrer zu nähern; ich darf wohl sagen zu können, wie sehr mein Herz für Sie in Dankbarkeit und Verehrung schlägt. Vielleicht bin ich so glücklich Ihnen diesen Sommer wiederum persönlich sagen zu können, wie sehr ich bin

Ew. Wohlgeboren
dankbarster und ergebenster
AugKiel.

Detmold d. 30ten Mai1838



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Kiel, 12.08.1837. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Kiel an Spohr 07.01.1840, aus dem sich noch ein derzeit verschollener Brief von Spohr an Kiel erschließen lässt.

[1] Gustav Häser.

[2] August Ferdinand Häser.

[3] Rolle in Jessonda von Louis Spohr.

[4] Rolle in Die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart.

[5] Rolle in Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart.

[6] Rolle in Faust von Louis Spohr.

[7] Rolle in La vestale von Gaspare Spontini.

[8] Rolle in Jean de Paris von François-Adrien Boïeldieu.

[9] Rolle in Le siège de Corinth von Gioachino Rossini.

[10] Rollen in Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart.

[11] Rolle in La gazza ladra (Die diebische Elster) von Gioachino Rossini.

[12] Rolle in Der Freischütz von Carl Maria von Weber.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.06.2016).