Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,173
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 174f. (teilweise)

Cassel den 7ten
März 1838.

Geliebter Freund,

Beykommend übersende ich Ihnen das Vater-Unser im Clavierauszuge zum Einstudieren. Wir haben es 2 mal gesungen und ich habe die Überzeugung gewonnen, daß es gut ausführbar sey. Nur habe ich, um nicht ewig in enger Harmonie zu bleiben, die 2ten Bässe hin und wieder ein wenig sehr tief gelegt; ich wünsche daher, daß diese zahlreicher wie die anderen Stimmen besetzt werden. Ich werde indessen auch bey der Instrumentirung noch zu Hülfe kommen. Das Vater-Unser ist doch kürzer geworden wie ich anfangs dachte; es dauert nur 23 Minuten. Für seine Wirkung an sich ist dieß vortheilhaft. Es fragt sich nun, ob die 3, zur Aufführung bestimmten Kompositionen nun die gewöhnliche Dauer einer Aufführung haben? Sollte die gewöhnliche Zeit durch Orgelfugen ausgefüllt werden müssen, so könnte man vielleicht dazu den ersten aller jetzt lebenden Orgelspieler, Adolph Hesse bekommen, da er mir ohnlängst schrieb, daß er diesen Sommer seine Ferienreise dahin richten würde, wo er mich anträfe.1 – Noch habe ich die Bitte, daß bei der Aufführung mit meiner Komposition begonnen werde, wie es denn auch am schicklichsten ist, mit dem Gebet anzufangen.
Ich lege hier auch meine neuen 4 stimmigen Männergesänge bey, die zwar in Hamburg gestochen sind, aber doch wohl noch nicht in Ihrem Besitz. Einiges davon, namentlich das Trinklied eignen sich wohl für Chorgesang.
Nun noch eine große Bitte! Endlich haben wir die Erlaubnis bekommen, am Charfreitage den Mendelssohn’schen Paulus geben zu dürfen. Zu der früher projectirten Aufführung hatte mir Ries die Partitur und Orchesterstimmen Ihres Cäcilienvereins geliehen2, die ich ihm aber ungebraucht zurücksenden mußte. Nun weiß ich nicht, an wen ich mich zu wenden habe, um sie nochmals zu erbitten. Ich wage es daher Sie um die Gefälligkeit zu bitten, nur selber so bald wie möglich zu verschaffen. Es ist zwar noch ziemlich lange bis zu dem Charfreitag; ich hätte aber die Saiteninstrumente gern gleich zum bessern Einüben der Chöre.
Herzliche Grüße an die lieben Ihrigen. Mit wahrer Freundschaft stets

der Ihrige
Louis Spohr

NS. Nur noch die Versicherung, daß mir das Arrangement mit Guhr sehr recht ist.

Erwähnte Personen: Guhr, Carl
Hesse, Adolph
Ries, Ferdinand
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Paulus
Spohr, Louis : Vater Unser, WoO 70
Erwähnte Orte: Frankfurt am Main
Kassel
Erwähnte Institutionen: Cäcilienverein <Kassel>
Hofkapelle <Kassel>
Liederkranz <Frankfurt am Main>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1838030702

http://bit.ly/1R6pKBX

Spohr



Dieser schließt direkt an Spohr an Speyer, 21.02.1838 an. Speyer beantwortete diesen Brief am 12.03.1838.

[1] Dieser Brief ist derzeit verschollen.

[2] Vgl. Ferdinand Ries an Spohr, 18.09.1837.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.03.2016).

Cassel, 7. März 1838.

Beikommend übersende ich Ihnen das ,Vater Unser’ im Klavierauszuge, zum einstudieren. Wir haben es zweimal gesungen und ich gewann die Überzeugung, daß es gut ausführbar sei. Nur habe ich, um nicht ewig in enger Harmonie zu bleiben, die zweiten Bässe hin und wieder ein wenig sehr tief gelegt ... Noch habe ich die Bitte, daß bei der Aufführung mit meiner Komposition begonnen werde, wie es denn auch am schicklichsten ist, mit dem Gebet anzufangen ... Endlich haben wir die Erlaubnis bekommen, am Karfreitage den ,Paulus’ von Mendelssohn geben zu dürfen.