Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck 1: Herfried Homburg, „Louis Spohrs erste Aufführung der Matthäus-Passion in Kassel. Ein Beitrag zur Geschichte der Bachbewegung im 19. Jahrhundert“, in: Musik und Kirche (1958), S. 49-60, hier S. 55 (teilweise)
Druck 2: Herfried Homburg, „Louis Spohr und die Bach-Renaissance”, in: Bach-Jahrbuch 47 (1960), S. 65-82, hier S. 79 (teilweise)

Catlenburg am 31sten Januar 1838.1

Mit großem Bedauern, mein innigst verehrtester Gönner! ersehen wir aus Ihrem lieben Schreiben vom 8ten d.M., daß Sie wiederum an einem Anfalle Ihres Magen-Uebels zu leiden hatten! – Nur zu gern aber überlassen wir uns der Hoffnung, daß dessen Nachwehen nunmehr genugsam beseitigt sind, um nicht besorgen zu müssen, durch das beygehende Pröbchen gestriger Einschlachtung nicht etwa zu neuem unbekömmlichem Genuße verführen zu helfen! – Um so weniger hoffen wir dieses besorgen zu müssen, als auch wir finden, daß diese kalten Würstel, mäßig genossen, auf keine Weise zu den, einen etwas delikaten Magen am leichtesten belästigenden, Speisen gehören. –
Aber auch bey dem hoffentlich erwünschtesten Befinden halten Sie ja fest an der Ausführung des Vorsatzes, die Sommerferien zu einer durchgreifenden Cur von einer der gleichzeitig auflösenden und magen stärkenden Quellen zu benutzen! – Es ist und bleibt die Wirkung dieser Arzney-Stufe(?) aus der unmittelbaren Bereitung jener großen geheimen Werkstätten der Natur selbst, doch eine durchaus eigenthümliche! – Durch keine künstliche Arzney-Bereitung zu ersetzende! – zu Mahl bey allen chronischen Uebeln oder der Neigung dazu. –
Noch immer haben meine Frau wie ich uns der dieses Mahl ganz besonders guten Nachwirkung der Wiesbader Cur zu erfreuen; und um so mehr interessiren wir uns dafür, daß auch Sie ein Mahl wieder eine so durchgreifende Quelle besuchen! –
Meine schon neulich geäußerten Hoffnungen für die dortigen so interessanten Oster-Tage sind noch immer dieselben! – Mögen Sie den Paulus zu Stande bringen, oder die Bachsche Passion wiederholen: so wüßte ich wahrlich nicht, selbst wenn ich die Wahl hätte, welche Aufführung ich vorziehen mögte, als diese mir schon bekannte,2 oder jene mir neue! – Und zu Mahl, wenn die Soli der Passion nun besetzt würden, wie im v.J. die Soli Ihres erhabenden Oratorii besetzt waren! –
Unter den Genüßen der seltensten Art, in3 welchen – durch Ihre und Ihrer innigst verehrten theuren Frau Gemahlin stets so große Güte um ein Mahl schon erwähnt, – Ihr reitzender Salon an dem herrlichen Piano mich im Geiste schon wieder schwelgen läßt, wird sich besonders auch die Bitte an Fräulein Therese anreihen, das Meisterstück Ihrer neuen Lieder4 noch ein Mahl zu hören, welches an dem interessanten Abende des 25sten October die Meinung, daß es viellelleicht nicht recht gelingen mögte, uns bis zum Schluße vorenthalten hatte, und die dessen so characteristisch gemüthvollen Wendungen dann doch die liebenswürdige Sängerin gleichsam sich selbst übertraf! – Ein herzliches, wahraft großartiges Lied! –
Doch – die Stunde der Post-Expedition drängt! – u ich mögte der beygehenden Waare ländlicher Fabrication doch nicht gern die Qualität wenigstens der frischen Bereitung verloren gehen lassen! –
Ihnen allerseitig empfehlen wir uns mit dem herzlichen Wunsche des freiesten, fröhlichsten und gesundestens Apetites dafür erneuert so innig verehrungsvoll, als

gehorsamst
CFLueder.

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Lueder, Wilhelmine Henriette Caroline
Spohr, Marianne
Spohr, Therese
Erwähnte Kompositionen: Bach, Johann Sebastian : Matthäus-Passion
Mendelssohn Bartholdy, Felix : Paulus
Spohr, Louis : Die letzten Dinge
Spohr, Louis : Lieder, Alt/Bar Kl, op. 94
Erwähnte Orte: Kassel
Wiesbaden
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1838013135

http://bit.ly/3mfMGXd

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 08.01.1838. Spohrs Antwortbrief vom 23.02.1838 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Homburg datiert diesen Brief in beiden Drucken auf den 03.03.1838.

[2] Hier zwei(?) Wörter gestrichen.

[3] „in“ über der Zeile eingefügt.

[4] Sicher die für Therese Spohr geschriebenen Lieder op. 94 (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 02.11.1835).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.11.2020).