Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18371115>

Sr. Wohlgeboren
dem
Herrn Dr. Louis Spohr kurfürstl
Hof-Kapellmeister
in
Cassel
Vor dem Kölnischen
Thor.

franco.


Breslau den 15. November
1837.

Mein hochgeehrter Herr Kapellmeisterl

Das mir gütigst übersendete Duett1 hat mich ebenso erfreut als geehrt und ich sage Ihnen meinen ganz ergebensten und herzlichsten Dank dafür; Schade nur, daß ich das opus noch nicht von Ihnen und der Frau Gemahlin vortragen hörte, um ein Muster zu haben. Die Violinstimme habe ich sogleich an Schön gesendet, der sich Ihnen dankbar empfiehlt, und bereits tüchtig darüber her ist. Wir wollen es dann im Concert spielen, und wenn ich dann die Schönheiten des Werkes erst ganz kenne, werde ich Ihnen nochmals meinen tiefgefühlten Dank abstatten. — Was haben Sie zu Hummels Tode gesagt?2 mich hat er sehr erschüttert, denn das Dahinscheiden eines Meisters kann jedem Kunstjünger höchst schmerzlich sein. Er war als Klavierkomponist der erste, und man kann mit Recht sagen, er hat als solcher den Mozart fortgesetzt und erweitert. Sein a moll, h moll u. as-dur-Konzert, die Rondos in a und b, seine Sonaten in d dur und fis moll etc. sichern ihm ein bleibendes Denkmal. Sein Septett halte ich für das höchste was er geschrieben und außer Ihrem c moll-Quintett kann man einem Werke in diesem genre nichts an die Seite stellen. Dahingegen scheint die neue romantische Schule, die sich’s bisher zur Aufgabe stellte, im Klavier das ganze Orchester zu repräsentiren, sich ihrem Ende zu nahen, denn Chopin hat so lange repräsentirt, bis er jetzt der Welt in seinen neuen Etüden einen Beweis vollkommener Verrücktheit überreicht hat, seine erste Sammlung Etüden sind Pleyel’sch dagegen. Wo ist in den neuen da noch irgend eine natürliche Harmoniefolge zu entdecken? (einige wenige ausgenommen). Es thut mir leid um Chopin, er ist das Opfer eines überreitzten Gefühls geworden.3
Vorgestern habe ich im Concert eine neue Sinfonie meiner Arbeit in es dur dirigirt, welche von meinen Sinfonien am besten gefallen hat. Auch schrieb ich eine Motette für Gesang und Orgel und ein Konzertstück in einer ganz neuen Form, übrigens so schwer, daß ich es nicht herausgeben kann, indessen wünschte ich Ihnen dies Tonstück einmal auf meiner Orgel zu hören, es hat nebst mehreren sanften Stellen euch einige neue Effeckte, die das Gewölbe erdröhnen machen. — Auf ihre neue Sinfonie sind wir alle höchst gespannt. Melden Sie mir recht bald das Resultat ihrer Probe. Hauser verläßt Ende des Jahres wiederum Breslau, was ich im Ganzen sehr bedauere, denn er ist ein sehr gebildeter Musiker, wenn auch großer Hypochonder. Neulich sollte Faust gegeben werden, Hammermeister4 wurde aber krank. In den nächsten Tagen führt Mosevius mit seiner Akademie den Paulus v. Mendelssohn auf, worauf ich sehr gespannt bin.
Empfehlen Sie mich allen den lieben Ihrigen und sonstigen: Bekannten auf’s beste und beglücken Sie mich recht bald wieder mit einigen Zeilen.

In wahrer Verehrung
Ihr
ergebenster
Adolph Hesse



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Hesse, 30.10.1837. Spohr beantwortete diesen sowie einen derzeit verschollenen Brief am 28.02.1838.

[1] op. 96.

[2] Hummel war am 17. Oktober gestorben.

[3] Während Schumann Chopins Etüden op. 25 begeistert rezensierte (Eusebius [Pseud. für Robert Schumann], „12 Etuden für Pianoforte von Friedrich Chopin”, in: Neue Zeitschrift für Musik 7 (1837), S. 199f.), ging Fink auch auf den Widerspruch zwischen „entzückten Bewunderern” und „entschiedenen Gegnern” Chopins ein, wobei er auch den Vorwurf erwähnte, von Chopin würde eine „immerwährende Steigerung” des Pikanten erwartet (Gottfried Wilhelm Fink, „Douze Etudes pour le Piano – par F. Chopin”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 40 (1838), Sp. 361-365, hier Sp. 362).

[4] Möglicherweise der Bariton Heinrich Hammermeister.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 15.03.2015).