Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. 55 Nachl. 76,257
Druck: Edward Speyer, Wilhelm Speyer der Liederkomponist 1790-1878. Sein Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen dargestellt von seinem jüngsten Sohne, München 1925, S. 170f. (teilweise)

Herrn Kapellmeister L. Spohr
Wohlgeb
Cassel
in Hessen


[F]furt am 4 Octb 1837.

Theurer Freund!

Empfangen Sie mein und meiner Tochter Dank für das überschickte Duo, welches uns in doppelter Beziehung viel Freude macht. Gestern abend hat es Kuper mit seiner Frau in seinem Hause vorgetragen, bei welcher Angelegenheit der alte Kuper aus London mir aufgetragen hat, Sie herzlichst zu grüßen. Aus der musik. Zeitung1 ersehe ich einiges aus Ihrer Reise nach Wien, allein viel zu wenig für meine Wißbegierde. Ich kann leider nicht aus meinen beengenden Verhältnissen herauas und müßte beinahe versauern, wenn mein reger Geist mich nicht zuweilen antriebe, ein bißchen hinauszuschauen. Geschäfte gar verschiedener Art nehmen mich sehr in Anspruch u. ich bin abends gewöhnlich ganz betäubt, so daß ich mich nach Ruhe sehne. – Ruhe ist ja wohl das Ziel allen Strebens. Im Uebrigen geht es mir u. den meinigen recht gut.
Daß Ries nach Schelbles Tod den Cäcilienverein übernommen hat, wissen Sie. Allein es war nahe, daß R. wieder zurückgetreten ist, denn es hat Zerwürfnisse zwischen ihm und den Mitgliedern gegeben, welche zwar beigelegt sind, indessen eine Mißstimmung zurücklassen, welche bleibend ist.2
Die Verehrung die Schelble von den Mitgliedern des von ihm gestifteten Vereins nach seinem Tode wird, bezeugt welch große Verdienste er sich um dieses Institut erworben, u. sein Nachfolger hat allerdings einen harten Stand. Man glaubt auch nicht, daß Ries System in die Wahl der Compositionen der von Schelble vorgezeichneten Bahn entspricht; mit einem Wort die Blütezeit des Vereins ist vorüber u. das ist Jammerschade.
Von musikdramatischen Novitäten stehen obenan: Die Hugenotten. Abgesehen von der Verwerflichkeit des Sujets u. manchen Trivialitäten, wie sie ebenso in Meyerbeers übrigen Opern vorkommen, muß man anerkennen, daß das Werk große Schönheiten enthält. Namentlich ist die Parthie des Marcel mit vieler Consequenz durchgeführt u. höchst eigenthümlich in wahrhaft puritanischer Farbe gehalten. Der ganze 4. Akt und ein großer Theil des 5ten sind von großer dramatischer Wirkung. Ich glaube, daß Ihnen das Werk Freude machen wird. Hier schreiben einige musik. Ignoranten für u. gegen die Oper u. es ist erbärmlich, was für dummes Zeug darüber geschmirt wird.3 Die Kasse steht sich übrigens gut dabei, denn es ist immer zum Brechen voll.
Nun komme ich auch mit einer Bitte. Die hiesige Liedertafel beabsichtigt gleich andern deutschen Städten, ein großartiges Sängerfest zu geben. Die Mittel dazu sind hier sehr bedeutend, denn die Stadt enthält wohl ohne die einzuladenden fremden Säger allein an 300 Sänger. Die Aufführung geschieht in einer Kirche u. wir wünschten gerne eine Original Compositi[on] von Ihnen dabei zu haben.4 Die nämliche Bitte geht a[uch] an Hauptmann. Durch die Erfüllung derselben würde Sie mich u. die Liedertafel höchlich erfreuen. Vielleicht kommen Sie wohl selbst hieher u. dieses würde mich recht glücklich machen. – Die Meinigen grüßen herzl. u. ich bin wie immer Ihr treuer WmSpeyer.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Speyer an Spohr, 23.04.1837. Spohr beantwortete diesen Brief am 06.12.1837.

[1] „Wien. Musikal. Chronik des 2ten Quartals”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 543-546, 558ff., 576ff., 593f. und 605ff., hier Sp. 606f. 

[2] Vgl. Ferdinand Ries an Speyer, Mitte September 1837, in: Ferdinand Ries, Briefe und Dokumente,hrsg. v. Cecil Hill (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn 27), Bonn 1982, S. 768; Ries an Spohr, 18.09.1837, in: ebd., S. 768f.; Ries an Spohr, 23.09.1837, in: ebd., S. 770; Ries an den Frankfurter Cäcilien-Verein, 03.10.1837, in: ebd., S. 771.

[3] Vgl. W., „Meyerbeer's Hugenotten auf der Frankfurter Bühne”, in: Didaskalia 05.09.1837, nicht paginiert; „Die Hugenotten von Scribe und Meyerbeer”, in: ebd. 06., 07., 08., 09., und 10.09.1837; „Frankfurter Theater”, in: ebd., 21., 23. und 25.09.1837; „Frankfurter Theater”, in: ebd., 04.-06.10.1837, hier 05.10.1837, nicht paginiert

[4] Spohr schrieb schließlich sein Vater Unser WoO 70.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.03.2016).

Frankfurt, 4. Oktober 1837.

... Ich kann leider nicht aus meinen beengenden Verhältnissen herauas und müßte beinahe versauern, wenn mein reger Geist mich nicht zuweilen antriebe, ein bißchen hinauszuschauen. Geschäfte gar verschiedener Art nehmen mich sehr in Anspruch und ich bin abends gewöhnlich ganz betäubt, so daß ich mich nach Ruhe sehne ... Daß nach Schelbles Tod Ries den Cäcilienverein übernommen hat, wissen Sie, allein es war nahe, daß er wieder zurückgetreten wäre, denn es hat Zerwürfnisse zwischen ihm und den Mitgliedern gegeben, welche zwar beigelegt sind, indessen eine Mißstimmung zurückgelassen haben ... Von musikdramatischen Novitäten stehen obenan: Die ,Hugenotten’. Abgesehen von der Verwerflichkeit des Sujets und manchen Trivialitäten, wie sie ebenso in Meyerbeers übrigen Opern vorkommen, muß man anerkennen, daß das Werk große Schönheiten enthält. Namentlich ist die Partie des Marcel mit vieler Konsequenz durchgeführt und der Puritaner in ihm höchst eigentümlich dargestellt. Der ganze vierte Akt und ein beträchtlicher Teil des fünften sind von großer dramatischer Wirkung. Ich glaube, daß Ihnen das Werk Freude machen wird. Hier schreiben einige musikalische Ignoranten für und gegen die Oper; im ganzen recht dummes und erbärmliches Zeug. Die Kasse steht sich übrigens gut dabei, denn das Haus ist stets überfüllt ... Nun komme ich auch mit einer Bitte. Der hiesige ,Liederkranz’ beabsichtigt ein großartiges Sängerfest zu veranstalten. Die Mittel dazu sind hier sehr bedeutend, denn die Stadt enthält wohl ohne die einzuladenden fremden Säger allein an 300 Mann. Die Aufführung wird in einer Kirche stattfinden und wir wünschten gerne eine Originalkomposition von Ihnen zu diesem Zweck zu haben. Die nämliche Bitte geht auch an Hauptmann. Durch die Erfüllung derselben würde Sie mich und den ,Liederkranz’ höchlich erfreuen ...