Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.2 <18370918>

Breslau den 18 Sept 37

Geliebter Herr Kapellmeister!

Vor ungefähr 7 Wochen war ich so frei, Ihnen eine Zuschrift nebst gedruckter Partitur einer Kantate meiner Komposition zu übersenden1, und bin ich bis jetzt noch nicht so glücklich gewesen, mich einiger Zeilen Ihrer lieben Hand zu erfreuen; um so mehr, da mir Haslinger schrieb, wie glücklich ihn Ihr und der lieben Ihrigen Aufenthalt in Wien gemacht hat. Er hat mir auf meine Bitten vieles berichtet, vorzüglich über den Eindruck, welchen Ihr Spiel auf alle Anwesenden gemacht haben soll, sodann beschrieb er mir die mit Ihnen unternommenen Vergnügungsparthien, vergaß auch nicht zu erwähnen, wie herzlich Thereschen über die zu Döbling in die nasse Grube geplumpsten Leute gelacht hat. Er hat mich durch alle diese Erzählungen zwar um so mehr bedauern lassen, daß ich nicht diesmal in Ihrer Nähe glücklich sein konnte; indeß habe ich mir fest vorgenommen, künftiges Jahr (wenn wir gesund sind) mit Ihnen, sei es wo es wolle, zusammen zu kommen.
Musikalisches Neues giebt es nicht viel zu berichten. Das schlesische Gebirgs-Musikfest in Waldenburg, das am 8., 9. und 10. August abgehalten wurde, ist brillant ausgefallen. Ich dirigirte meine Ihnen zugesandte Kantate welche von 400 Personen sehr präzis und rein ausgeführt wurde.2
Demoiselle Schebest gastirt gegenwärtig bei uns.3 Ich sah sie im Fidelio. Ihre Darstellungsgabe finde ich recht gut, allein ihre Stimme ist ziemlich weg, auch detonirt sie manchmal.4
Haslinger hat eine Motette mit Orgelbegleitung von mir herausgegeben, und schön ausgestattet,5 ebenso sticht Hofmeister meine Sinfonie in h moll auch à 4 mains. Der Klaviervirtuose Henselt (natürlicher Sohn des Königs von Bayern)6 hält sich hier auf. Er ist ein Künstler ersten Ranges und seine Kompositionen, die reich an ganz neuen Klavier-Effeckten sind, zeichnen sich durch harmonische Schönheiten aus.7 Er aß vor einem Jahre gleichzeitig mit uns an der table d‘hote in der Stadt Gotha zu Dresden, und hatte nicht den Muth, sich Ihnen vorzustellen. Jetzt bedauert er’s unendlich, da ich ihm erzählte, welche Genüsse Sie uns damals bereitet haben.
Gestern Abend spielte ich bei Hauser eine Hauptmannsche Sonate mit Violinbegleitung in g dur, die uns allen sehr gefiel.
In der Hoffnung bald von Ihnen zu hören
wie immer

Ihr ergebenster Verehrer Adolph Hesse.

Herzliche Grüße an die lieben Ihrigen.



Dieser Brief folgt auf Hesse an Spohr, 03.08.1837. Spohr beantwortete diesen Brief am 27.09.1837.

[1] Vgl. Vorbrief

[2] Zum Musikfest vgl. Allgemeiner musikalischer Anzeiger 9 (1837), S. 147f., hier der Titel zu Hesses Kantate S. 148.

[3] Zu Schebests Aufenthalt in Breslau vgl. ihre eigene Darstellung: Agnese Schebest, Aus dem Leben einer Künstlerin, Stuttgart 1857, S. 182-186.

[4] Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt der Rezensent einer Münchener Fidelio-Aufführung mit Schebest in der Titelrolle (vgl. „Theater”, in: Allgemeine Zeitung von und für Bayern 3 (1836), Nr. 326, S. 4).

[5] Op. 38, vgl. Rezension von C.F. Becker, in: Neue Zeitschrift für Musik 8 (1838), S. 71.

[6] Das Gerücht, Henselt sei Sohn von Max von Bayern gewesen auch bei: Julius Kapp, „Erinnerungen an Adolph Henselt. Nach Angaben von Laura Rappoldi-Kahrer und 18 unveröffentlichten Briefen Henselts”, in: Musik 9.4 (1909/10), S. 67-75, hier S. 68.

[7] Zu Henselts Breslau-Aufenthalt vgl. Maria Zduniak, „Adolph Henselt in Breslau”, in: Adolph Henselt und der musikkulturelle Dialog zwischen dem westlichen und östlichen Europa im 19. Jahrhundert, hrsg. v. Lucian Schiwietz (= Edition IME I,14), Sinzig 2004, S. 105-115, hier S. 105ff.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 14.03.2015.