Autograf: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus.ep. Spohr-Correspondenz 2,107
Druck: [Ernst Rychnovsky], Beschreibendes Verzeichnis der Autographen-Sammlung Fritz Donebauer in Prag, 2. Aufl., Prag 1900, S. 172 (teilweise)

Hochzuverehrender Herr Kapellmeister!

Obgleich es lange her ist, daß ich mich persönlicher Beziehungen zu Ihnen, die mich früher einmal so hoch erfreut hatten, nicht mehr rühmen kann: trage ich doch kein Bedenken, Ihnen eine Bitte vorzulegen, von der ich hoffe, daß der Gegenstand auch Ihr Interesse haben wird.
Ich habe nämlich für das Universal-Lexikon der Tonkunst, das Dr. Schilling in Stuttgard herausgiebt, übernommen:
eine biographische künstlerische Notiz über Ihre Frau Gemahlin, die berühmte Harfenistin zu schreiben.
Was mich nächst der Verehrung des Namens, die ich mit allen Musikfreunden theile, besonders dazu bewog, war eine Erinnerung aus frühen Jahren, wo ich zum ersten Mal Ihr unvergleichliches Spiel mit dem Ihrer Frau Gemahlin vereint hörte. Nach sehr langer Zeit ist mir der Eindruck noch so lebendig, daß ich ohne Schwierigkeit ganze Sätze (namentlich aus einem Potpourri mit der Zauberflöte, in dem unter anderm die Harfe mit Harmonikatönen die Cmollfuge vortrug und die Geige leise den Choral hineinsang1) noch jetzt aufschreiben könnte. Es versteht sich aber von selbst, daß ich jene Notiz nur dann mit rechtem Beruf und voller Lust schreiben werde, wenn Sie, verehrtester Herr, es zufrieden sind, sie in meinen Händen zu wissen. - Doppelt erfreut und ausgerüstet wäre ich freilich, wenn Sie die große Güte hätten, mich mit einigen speziellern Nachrichten und Bemerkungen zu unterstüzen.2
Dies sind die Wünsche, die ich so frei bin, Ihnen verzulegen und über die ich mir Ihre gefällige Entscheidung erbitte.
Mit höchster Verehrung bin ich

Ihr
ganz ergebenster
ABMarx.

Berlin
am 22. August 1837.

Adr.
Professor Marx Charlottenstraße 13.

Erwähnte Personen: Schilling, Gustav
Spohr, Dorette
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Sonaten, Vl Hf, op. 114
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837082244

http://bit.ly/2wI2Ak0

Spohr



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Marx an Spohr, 15.11.1823. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Mozart verwendet in seinem Gesang der Geharnischten den Choral „Ach Gott vom Himmel sieh darein“ als Cantus firmus über einer fugierten Begleitung.

[2] Vgl. A[dolph] B[ernhard] M[arx], „Spohr, Dorothea, geb. Schindler“, in: Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, oder Universal-Lexicon der Tonkunst, hrsg. v. Gustav Schilling, Bd. 6, Stuttgart 1838, S. 450f.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.09.2017).