Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrter Herr Capellmeister!

Mit lebhafter Theilnahme empfing ich die Nachricht Ihres glücklichen Ankommens in Cassel, und wünsche von Herzen daß diese Reise auch dazu gedient haben möge, Ihre für die Welt unschätzbare Gesundheit zu erhalten. Bedauern muß ich, Ihnen dieses Jahr nicht meine persönliche Aufwartung machen zu können; jedoch werde ich künftiges Jahr mich durch Nichts abhalten lassen, Ihnen meine Ergebenheit mündlich zu bezeigen.
In Bezug auf das Mendelssohnsche Oratorium, habe ich die Ehre zu erwiedern, daß ich an Chorstimmen circa 60 gebrauchen könnte. Der Betrag für diese Musikalien wird unverzüglich nach Empfang derselben folgen. Was mir Ew. Wohlgeboren über die Scott geschrieben haben, ist wieder ein Beleg ihres abscheulichen Leichtsinns, ich werde mich deshalb durchaus nicht mehr um sie bekümmern. Wir haben für die Scott wieder eine Anfängerin, Fräulein Benecke bekommen, mit der übrigens nicht viel anzufangen ist, da sie durchaus unmusikalisch und deshalb schwer begreift. Wie oft habe ich der Intendance erläutert, daß sie für alle diese Subjecte eine tüchtigere Sängerin engagiren möchten, allein es bleibt beim Alten. Lindpaintner hat uns seine neue Oper „die Macht des Liedes“ zugeschickt.1 Ich gestehe daß viel Schönes aber nichts Neues darin aufzufinden ist, und hätte mir mehr von dieser Oper versprochen. Dürfte ich Ew. Wohlgeboren wohl um eine Abschrift der Lindpaintnerschen Entré actes bitten?2 oder muß ich dieselben vom Componisten selbst beziehen? Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir hierüber Nachricht gütigst ertheilen wollten. Da die hiesigen3 Hof-Concerte bald ihren Anfang nehmen, und unsere jungen Damen wieder einige Chöre singen wollen, bin ich wirklich in Verlegenheit, was ich dergleichen bekomme. Vielleicht könnten mir Ew. Wohlgeboren mit gütigem Rath beistehen. Ich merke jedoch, daß es Zeit sein mögte durch4 meine Schreiberei Ihre Geduld nicht länger auf die Probe zu stellen.
Ihrer Frau Gemahlin nebst Familie meine ergebenste Empfehlung.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner
unwandelbaren Hochachtung von
Ihrem dankbaren
AugKiel.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Kiel. Da diesem Brief zufolge Spohr seine Ankunft in Kassel ankündigt, muss er nach Spohrs Reise nach Wien und Prag geschrieben sein, von der er am 27.07.1837 zurückkehrte (vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 27.07.1837). Zusammen mit dem Datum von Spohrs Antwort auf diesen Brief am 12.08.1837 muss dieser Brief von Kiel – einen Postweg von mindestens zwei Tagen vorausgesetzt – zwischen dem 29.07. und 10.08.1837 geschrieben sein.

[1] Vgl. Peter von Lindpaintner an unbekannt, 01.07.1837, in: Peter von Lindpaintner, Briefe. Gesamtausgabe, hrsg. v. Reiner Nägele (= Hainholz Musikwissenschaft 1), Göttingen 2006, S. 239.

[2] Spohr erhielt diese Schauspielmusik von Peter von Lindpaintner mit dem Brief vom 24.05.1826 (in: Lindpaintner, Briefe, S. 113f.).

[3] „hiesigen” nachträglich über der Zeile eingefügt.

[4] „durch” nachträglich über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.06.2016).