Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgebor
Herrn Dr. Louis Spohr
kurfürstl. hessischer Hof-Capellmeister
in
Cassel.

hierbei ein Paquet in Wachstuch
mit geschriebenen Musikalien
gez. L.S.#120
franco


Detmold 25st Juni 1837.

Hochverehrter Herr Kapellmeister!

Im Voraus bitte ich Ew. Wohlgeboren ergebenst um Nachsicht, wegen des so späten Einsenden Ihres Werkes, allin Ew. Wohlgeb Partituren waren mir zu liebe Gegenstände geworden, als daß ich dieselben sogleich aus meinen Händen hätte lassen können.
Die Ausführung war durchgehends untadelhaft zu nennen; in der That herrschte bei Jedem Einzelnen eine Begeisterung, die sich im Verlauf der Aufführung auch dem höchst zahlreichen Publico (553 Personen) mittheilte, die am deutlichsten das Ergreifende Ihrer herrlichen Tonschöpfung beurkundete. Unsere Fürstliche Familie ließ mir ihre höchste Zufriedenheit bezeigen, und äußerte den Wunsch, daß man nun an jedes Jahr eine solche Aufführung zu Stande kommen möchte. Im Ganzen genommen war diese Aufführung jener in Paderborn vorzuziehen, da auch die Solo-Parthien hier ausgezeichnet executirt wurden. Spohrs Name war in jedem Herzen und auf jeder Zunge.
Dürfte ich Ew. Wohlgeboren ersuchen mir den Clavierauszug und die Chorstimmen des Paulus v. Mendelssohn käuflich zu überlassen so bitte ich mir dieselben nebst dem Preise gütigst einzusenden. Noch habe ich um etwas um Verzeihung zu bitten. Nämlich, der den Judas gesungen, ist so unglücklich gewesen, nach der Aufführung seine Parthie zu verlieren. Ich ließ deshalb eine andere schreiben, und der gute Mensch schreibt trotz meiner ihm gegebenen Anweisung anstatt des Judas und Caiphas, den Judas und Philo in eine Parthie. Ich hätte eine andere Parthie schreiben lassen, allein ich wollte die Ueberschickung des Werkes nicht länger verzögern.
Wenn Ew. Wohlgeboren mich einer Antwort würdigen wollen, so bitte ich mir Ihre Ansicht über Fr. Scott aus, da ich von dem Mädchen (die leider mit einem unglücklichen Leichtsinn reichlich ausgestattet) bis jetzt noch keine Zeile erhalten. Einige boshafte Menschen des hiesigen Theaters entblöden sich nicht, die gehässigsten Erdichtungen auszuposaunen.

Indem ich mich Ihrer verehrten Familie bestens empfehle bitte ich um Ew. Wohlgebor
ferneren Wohlgewogenheit
Ew. Wohlgeboren
dankbarster Schüler
AugKiel.

Erwähnte Personen: Scott, Emma
Erwähnte Kompositionen: Mendelssohn Bartholdy, Felix : Paulus
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Detmold
Paderborn
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Detmold>
Singverein <Detmold>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837062538

http://bit.ly/28ULNks

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Kiel, 18.04.1837. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist ein undatierter Brief von Kiel an Spohr, aus dem sich noch ein verschollener Brief von Spohr an Kiel erschließen lässt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.06.2016).