Autograf: Spohr Museum Kassel (D-Ksp), Sign. Sp. ep. 1.1 <18370518>

Sr. Wohlgeb
dem Herrn Oberorganist
Adolph Hesse
in
Breslau.

franco.


Cassel den 18ten
Mai 1837

Lieber Freund,

Obgleich ich Ihnen wenig Neues und noch weniger Interessantes von hier mitzutheilen habe, so beeile ich mich doch Ihren Brief zu beantworten, wegen den Anfange über die Geige des Herrn Kleinschmidt in Hamburg. Dies ist ein vortreffliches Instrument, ächte Stradivari, mittleres Format, gut construirt und von höchst edlem, obgleich nicht übermäßig starkem Ton. Ich wollte Sie anfangs für mich selbst kaufen und nur der Gedanke, daß ich dann immer zwischen meinen beyden Instrumenten hin und her schwanken und am Ende auf keinem mehr recht zu Hause seyn würde, hielt mich ab. Dann hätte ich sie gern für einen meiner Schüler gehabt, der ein solches Instrument werth ist; er wuste aber leider die 100 Louisd‘or nicht aufzutreiben. Und so wird das Instrument wohl wieder in die Hände eines reichen Diletannten kommen, während doch nur eigentlich Künstler solche Instrumente besitzen sollten.
Das Scheitern unseres Musikfestes hat der Minister Hassenpflug zu verantworten. Er wollte nicht, daß während der Festtage das Orchestergerüst in der Kirche stehe, weil die Aufmerksamkeit der Gemeinde dadurch vom Gottesdienst abgezogen werden würde. Da ich nun nicht Lust hatte, das Risiko einer solchen Unternehmung zu einer anderen Zeit als Pfingsten zu übernehmen, so gab ich sogleich die Sache auf. Nun wollte der Herr Minister noch einlenken, es war aber zu spät.1
Unser Pfingstconcert im Theater in welchem ich mein Concertino spielen wollte, war außerordentlich zahlreich besucht. Schon hatte ich die Probe gemacht als ich am 1sten Festtage früh, nach einer Pause von 1 ½ Jahren, wieder einen Anfall von Magenkrampf bekam, der bis zum Abend so schlimm wurde, daß ich ganz außer Stande war, mein Musikstück vorzutragen. Ich mußte im Bette bleiben und Wiele konnte glücklicher Weise für mich eintreten, so daß weiter keine Störung entstand.2
Den 15ten Juni, mit dem Beginn der Ferien, werden wir die Reise nach Prag und Wien antreten.3 Wir hoffen mit Zuversicht Sie in einer dieser [Städ]te zu treffen und wieder so fröh[liche] Tage wie vorigen Sommer mit Ihnen zu verleben. Wünschen Sie es, so melde ich Ihnen kurz vor der Reise genau die Tage unserer Eintreffens in Prag und Wien. Dort denke ich uns einen Flügel4 für meine Frau zu kaufen und würde mich freuen, dabey mit Ihrem Rath unterstützt zu seyn. – Alles Übrige erspare ich fürs Mündliche.
Herzliche Grüße von den Meinigen.
Mit wahrer Freundschaft stets der Ihrige
Louis Spohr.

Erwähnte Personen: Hassenpflug, Ludwig
Kleinschmidt (Hamburg)
Wiele, Adolph
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 92
Erwähnte Orte: Kassel
Prag
Wien
Erwähnte Institutionen: Hofkapelle <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837051801

http://bit.ly/1FUylpo

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Hesse an Spohr, 10.05.1837. Hesse beantwortete diesen Brief am 03.08.1837.

[1] In seinen Lebenserinnerungen schreibt Spohr das Scheitern dem „geheimen Kabinett” des Kurfürsten zu (Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Folker Göthel, Tutzing 1968, Bd. 2, S. 175f., Text mit fehlerhafter Paginierung auch online; ders., Louis Spohr’s Selbstbiographie, Bd. 2, Kassel und Göttingen 1861, S. 216ff.; vgl. auch „Musikfest in Cassel”, in: Neue Zeitschrift für Musik 6 (1837), S. 130).

[2] Vgl. L., „Kassel”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 665-668, hier Sp. 666.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebuch von der Reise nach Prag, Wien, Salzburg, München u.s.w. im Sommer 1837, Ms., Spohr Museum Kassel, D-Ksp Sign. Sp. ms. ep. 2.1.04.

[4] Der Flügel aus der Werkstatt von Jean Baptiste Streicher befindet sich heute im Spohr Museum Kassel.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach 25.03.2015.